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Medizin: Cannabiskonsum & Risiko für Psychosen

06.01.2026 12:04
von grow! Magazin
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Medizin

Warum Cannabiskonsum mit einem erhöhten Risiko für Psychosen verbunden ist, vermutlich jedoch nicht ihre Ursache

Moment mal: Der Konsum von Cannabis soll mit einem erhöhten Risiko für Psychosen verbunden sein, das Risiko für eine Psychose jedoch nicht erhöhen? Wie kann das sein und was ist dann für das erhöhte Risiko verantwortlich? Dazu muss man wissen: nichtkausale Beziehungen gibt es in der Medizin häufig.

 

Korrelation ohne Kausalität

Wir sehen in der Medizin vielfältige Beziehungen verschiedener Erkrankungen und Risiken. So wurde beispielsweise nachgewiesen, dass ein erhöhtes Risiko für die Entwicklung eines Herzinfarktes mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines Schlaganfalls verbunden ist, das eine jedoch nicht das andere verursacht, sondern, dass diese beiden schwerwiegenden Erkrankungen gemeinsame Ursachen haben, darunter erhöhter Bluthochdruck, Zuckerkrankheit, Tabakkonsum und Fettstoffwechselstörungen. Eine Korrelation zwischen zwei Merkmalen bedeutet zunächst einmal nur, dass es eine Beziehung zwischen diesen beiden Merkmalen gibt. Diese Beziehung muss allerdings nicht unbedingt kausal sein, sondern sie könnte auch andere Ursachen haben. So könnten die Merkmale beispielsweise zufällig miteinander auftreten, oder sie könnten gemeinsame Ursachen haben. Eine Korrelation lässt sich in der medizinischen Forschung relativ einfach ermitteln, eine kausale Korrelation dagegen nicht so leicht. Die Beziehung zwischen Schlaganfall und Herzinfarkt ist nicht kausal. Was wäre, wenn die Beziehung zwischen Cannabis und Psychosen ebenfalls nicht kausal wäre? Wiederholt haben Wissenschaftler, die den Zusammenhang zwischen Cannabis und Psychosen untersucht haben, selbst darauf hingewiesen, dass eine Korrelation mittlerweile zwar nicht mehr angezweifelt werden kann, dass es jedoch weiterhin unklar sei, ob diese Korrelation auch kausal ist oder in welchem Umfang Cannabis zum Psychoserisiko beiträgt.

Metaanalysen und Zwillingsstudien

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, möchte ich zwei umfangreiche Studien vorstellen, die die Beziehung zwischen Cannabiskonsum und Psychosen durch zwei verschiedene Methoden näher analysiert haben.

An der Abteilung für Psychosestudien des King‘s College in London, an der sich Professor Robin Murray und seine Kollegen seit Jahrzehnten mit dem Thema befassen, wurde eine Metaanalyse zum Zusammenhang zwischen dem Umfang des Cannabiskonsums und dem Risiko für Psychosen durchgeführt (Marconi et al. 2016). In einer Metaanalyse werden mehrere Studien zusammengefasst, um auf diese Weise größere Fallzahlen gemeinsam analysieren zu können. Zudem wurde nicht einfach nur der Zusammenhang zwischen dem Konsum und dem Psychoserisiko untersucht, sondern auch die Frage, ob eine höhere Cannabisdosis eventuell auch mit einem höheren Risiko für psychotische Störungen verbunden ist. Unter diesen Voraussetzungen konnten zehn Studien mit insgesamt 66.816 Personen in die Metaanalyse aufgenommen werden.

Am Minnesota Zentrum für Zwillings- und Familienforschung der Universität von Minnesota wurde dagegen ein anderer Ansatz gewählt, um mehr Klarheit über die Art des Zusammenhangs zwischen Cannabis und Psychosen zu untersuchen (Schaefers et al. (2021). Die Forscher analysierten die Ergebnisse einer Zwillingstudie, die Daten von zwei Studien verwendete. In Zwillingsstudien wird die Entwicklung von gesundheitsrelevanten Daten bei eineiigen und zweieiigen Zwillingen untersucht. Auf diese Weise können der Anteil genetischer Faktoren und der Anteil gemeinsam in der Familie erlebter Umweltfaktoren untersucht werden. Diese Forscher untersuchten den Zusammenhang zwischen einerseits Cannabiskonsum bei 1544 Jugendlichen und von Cannabiskonsumstörungen bei 1458 Jugendlichen und andererseits die Häufigkeit der Psychose-Anfälligkeit im Erwachsenenalter. Die Zwillinge lieferten zudem genetische Daten, sodass sich auch genetische Beziehungen zum Psychoserisiko untersuchen ließen.

Die Zwillingsstudie aus den USA

Epidemiologische Studien haben wiederholt gezeigt, dass Personen, die Cannabis konsumieren, mit einer größeren Wahrscheinlichkeit psychotische Störungen entwickeln, als Personen, die das nicht machen. Es wurde vorgeschlagen, dass diese Beziehungen einen kausalen Effekt des Cannabiskonsums auf Psychosen widerspiegelt und dass das Psychoserisiko vor allem bei Heranwachsenden und bei genetisch vorbelasteten Personen besonders hoch ist. Die Zwillingsstudie der Universität von Minnesota in den USA hat diese Hypothese jedoch nicht unterstützt, sondern legt nahe, dass diese Beziehungen auf einem Einfluss von gemeinsamen Faktoren beruhen (Schaefer et al. 2021).

Die Forscher wollten herausfinden, ob der Cannabiskonsum in der Jugend langfristig zu psychischen Veränderungen führt – genauer gesagt zu psychotischen Persönlichkeitsmerkmalen im Erwachsenenalter. Damit ist zum Beispiel gemeint: ungewöhnliches Denken, Misstrauen, leichte Realitätsferne – nicht unbedingt eine Psychose, aber eine leichte Neigung in diese Richtung.

Dafür haben sie Zwillingspaare untersucht, bei denen ein Zwilling mehr Cannabis konsumiert hat als der andere. So konnten sie gut vergleichen, ob Unterschiede im späteren Verhalten wirklich am Cannabis liegen oder eher an familiären oder genetischen Faktoren, die beide gemeinsam haben. Außerdem wurde berücksichtigt, ob jemand ein erhöhtes genetisches Risiko für Schizophrenie aufwies – also von Geburt an eine gewisse Veranlagung zu psychischen Erkrankungen.

Ergebnisse:

  • Jugendliche, die viel Cannabis konsumiert hatten oder eine Cannabisabhängigkeit entwickelten, zeigten im Erwachsenenalter mehr psychotische Merkmale.
  • Aber: Wenn man sich Zwillingspaare anschaut, bei denen der eine mehr konsumierte als der andere, war kein Unterschied in den späteren psychotischen Merkmalen erkennbar.
  • Auch das genetische Risiko für Schizophrenie veränderte daran nichts: Es machte keinen Unterschied, ob jemand ein vererbtes Risiko hatte oder nicht.

Das bedeutet, dass die Verbindung zwischen Cannabiskonsum und späteren psychotischen Merkmalen keine einfache Ursache-Wirkung-Beziehung ist. Andere Einflüsse – zum Beispiel Gene, die beide Zwillinge gemeinsam haben, oder das familiäre Umfeld – könnten der eigentliche Grund für beide Phänomene sein: sowohl für den Cannabiskonsum als auch für die psychischen Auffälligkeiten. Das bedeutet: Cannabis allein ist wahrscheinlich nicht der Auslöser für spätere psychische Probleme – zumindest nicht in einem einfachen, direkten Sinn.

Viele Forscher weisen in diesem Zusammenhang daraufhin, dass zwar offenbar die Häufigkeit des Cannabiskonsums und insbesondere des starken Konsums zugenommen hat, die Häufigkeit psychotischer Störungen dagegen über die Zeit relativ stabil blieb. Auch diese Beobachtungen eröffnen die Möglichkeit, dass die Beziehung zwischen Cannabiskonsum und Psychosen, die in epidemiologischen Studien gefunden wurden, nicht kausaler Natur sind, sondern auf gemeinsamen Einflussfaktoren beruhen könnten. Es gibt Hinweise, dass psychotische Erkrankungen und Substanzkonsum viele Umwelt- und Risikofaktoren gemeinsam haben, dass Studien, die mehr Einflussfaktoren berücksichtigen, zu geringeren Effekten neigen, und dass Cannabiskonsum und Schizophrenie durch eine genetische Überlappung charakterisiert sind. Es ist auch möglich, dass eine Cannabisexposition nur bei einer Untergruppe besonders empfindlicher Personen das Risiko für eine Psychose erhöht.

Ein starker Ansatz zur Testung der Auswirkungen weiterer Einflussfaktoren ist die Zwillingsforschung mit sowohl eineiigen als auch nicht eineiigen Zwillingen, die sich hinsichtlich ihres Cannabiskonsums unterscheiden. Dieser Ansatz erlaubt die Untersuchung der Wirkungen des Cannabiskonsums bei gleichzeitiger Kontrolle aller gemessenen und ungemessenen genetischen und umweltbezogenen Faktoren, denen die Zwillinge ausgesetzt sind. Wenn Cannabis der kausale Faktor für eine langzeitige psychotische Erkrankung ist, dann werden sowohl eineiige als auch nicht eineiige Zwillinge, die in der Jugendzeit mehr Cannabis konsumieren als der/die Zwillingsgeschwister als Erwachsene mehr psychotische Störungen aufweisen. Wenn es diesen Zwillingsunterschied allerdings nicht gibt, legt das nahe, dass eine Beziehung zwischen Cannabis und Psychosen wahrscheinlich durch familiäre Einflussfaktoren bedingt ist.

Die Studie hat zwei langzeitige Studien am Minnesota Zentrum für Zwillings- und Familienforschung kombiniert. Im Gegensatz zu den beiden früheren Zwillingsstudien wurden die Zwillinge in diesen Gruppen mehrfach hinsichtlich ihres Cannabiskonsums befragt. Auf diese Weise konnte eine kumulative Cannabisexposition vor und während der Jugendzeit erfasst werden, als „jugendlicher Cannabiskonsum-Index“. Die Forscher haben zudem untersucht, ob es einen möglichen kausalen Zusammenhang zwischen Cannabis und Psychoserisiko gibt, indem Wechselwirkungen zwischen Cannabiskonsum und einem genetischen Risiko für Schizophrenie untersucht wurden.

Trotz der Versuche, mit dieser Zwillingsstudie ein optimales Ergebnis zu erzielen, weisen die Autoren darauf hin, dass auch Ihre Studie methodische Grenzen hat, die die Aussagekraft einschränken. So ist der erfasste Cannabiskonsum relativ gering im Vergleich zu aktuellen Cannabiskonsummustern. Zudem basiert die Angabe zum Cannabiskonsum auf den Aussagen der Teilnehmer, die nicht immer korrekt sein müssen.

Die Metaanalyse aus Großbritannien

Menschen, die Cannabis konsumieren, weisen ein höheres Risiko auf, eine Psychose zu entwickeln, als Nichtkonsumenten. Diese Tatsache wurde in mehreren epidemiologischen Studien in verschiedenen Ländern nachgewiesen. In Übersichten oder Metaanalysen werden Studien zusammengefasst, um durch die Vergrößerung der Zahl der Teilnehmer auch die Aussagekraft solcher Studien zu verbessern.

In der Metaanalyse von Marconi et al. (2016) sind die Wissenschaftler vom King’s College in London so vorgegangen: Sie haben sich Studien angeschaut, in denen Menschen mit unterschiedlichem Cannabiskonsum über längere Zeit beobachtet wurden. 10 dieser Studien, mit insgesamt über 66 000 Personen, konnten sie in ihrer Auswertung verwenden. Sie haben untersucht, ob es einen Zusammenhang zwischen der Intensität des Konsums und dem späteren Risiko für die Entwicklung einer psychotischen Erkrankung gibt. Das Ergebnis zeigt, dass, je häufiger jemand Cannabis konsumiert, desto höher das Risiko für eine Psychose ist. Konkret wiesen Gelegenheitskonsumenten ein etwa doppelt so hohes Risiko auf wie Menschen, die nie Cannabis konsumiert hatten, tägliche oder starke Konsumenten ein etwa vierfach erhöhtes Risiko. Nach dieser Analyse gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen starkem Cannabiskonsum und der Entwicklung einer Psychose. Das bedeutet aber nicht, dass Cannabis die alleinige Ursache für die Psychose ist.

Stellungnahmen bekannter Forscher

Es gibt eine Anzahl von Aussagen von Forschern, die sich seit langer Zeit mit dem Zusammenhang zwischen Cannabis und Psychosen beschäftigen. Hier einige Zitate.

Robin Murray (King“s College London): „Es ist mittlerweile bekannt, dass der Konsum von Cannabis das Risiko einer Psychose erhöht. Skeptiker behaupten jedoch nach wie vor, dass dies keine wichtige Ursache für schizophrenieähnliche Psychosen ist.“

Charles Ksir (Lancet Psychiatry, 2016): „Jede Studie weist darauf hin, dass ein Kausalzusammenhang nicht nachgewiesen wurde; es besteht jedoch eine starke Tendenz, Cannabiskonsum als sogenannte Teilursache für Psychosen anzuerkennen.“

Louise Arseneault et al. (2004): „Der Konsum von Cannabis scheint weder eine ausreichende noch eine notwendige Ursache für Psychosen zu sein. Er ist eine Teilursache, Teil einer komplexen Konstellation von Faktoren, die zu Psychosen führen.“

Was besagen diese Aussagen zur Kausalität?

Eine beobachtete Assoziation bedeutet nicht automatisch, dass Cannabis psychotische Erkrankungen verursacht. Viele Forscher sprechen davon, dass Cannabis ein Faktor unter vielen sein kann, aber nicht allein verantwortlich ist. Weitere wichtige Faktoren sind eine genetische Disposition, das Lebensumfeld, die psychische Vorgeschichte und andere Substanzen.

Dr. med. Franjo Grotenhermen

Literatur:

Schaefer JD, Jang SK, Vrieze S, Iacono WG, McGue M, Wilson S. Adolescent cannabis use and adult psychoticism: A longitudinal co-twin control analysis using data from two cohorts. J Abnorm Psychol. 2021;130(7):691-701.

Marconi A, Di Forti M, Lewis CM, Murray RM, Vassos E. Meta-analysis of the Association Between the Level of Cannabis Use and Risk of Psychosis. Schizophr Bull. 2016;42(5):1262-9.

Dieser Artikel stammt aus der grow! Ausgabe 05-2025. Falls du diese Ausgabe nachbestellen möchtest, schau doch mal in unseren Shop.

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