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Nordindien Teil 2 - Jammu

04.07.2016
grow! Magazin
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reise

Eine Reise durch Nordindien ist wie eine Fahrt durch die epische Vergangenheit des Subkontinents. Nördlich von Delhi liegt das uralte indische Kernland, in dem bis in die Neuzeit hinein immer wieder Geschichte geschrieben wurde. Hier wurde der zivilisatorische Grundstein für die hinduistische Kultur gelegt. Hier unterstützte der Gott Krishna den Helden Arjuna in seinem Kampf für Gerechtigkeit. Und hier besiegte ein Afghanenheer die mächtige Hindu-Armee der Marathen - und ebnete so indirekt den Weg für die Kolonialherrschaft der Briten. Ich bin unterwegs mit dem Nachtzug von der Hauptstadt Delhi nach Jammu, dem Gateway ins Kaschmir-Tal. Nur rund 20 Kilometer von der pakistanischen Grenze gelegen, treffen hier Soldaten, Pilger und Kaschmir-Reisende aufeinander und verschmelzen zu einem chaotischen Potpourri.

Ich habe zwei Tage in der Metropole Delhi verbracht. Nun sitze ich auf dem Bahnsteig des riesigen Hauptbahnhofs "New Delhi" und knabbere ein paar Samosas (gefüllte Teigtaschen) zur Stärkung. Um mich herum wuselt es. Fast unaufhörlich plärrt eine nervige Frauenstimme via Lautsprecher Fahrgastinformationen auf die Leute ein, unterbrochen von durchdringenden Fanfarensounds, welche die einzelnen Botschaften voneinander trennen sollen. Kofferträger schleppen schwere Gepäckbündel auf ihren Köpfen. Als ich meinen Blick auf die neben mir gelegenen Gleise richte, erblicke ich ungefähr hundert Ratten, die sich dort tummeln. In diesem Moment bin ich mir nicht sicher, ob eine Durchschnittskatze gegen eines dieser Biester bestehen könnte, denn ihre Größe ist beeindruckend. Ein wenig überhastet schlucke ich den Rest meines Samosas herunter und beschließe, ein paar Meter Sicherheitsabstand zwischen mich und die Nager zu bringen. Man weiß ja nie. Ein dicker Typ mit Schnauzbart und zu kleinen Sandalen hat mich beobachtet. Nun nähert er sich lachend und klärt mich auf: "Rats". Ich nicke. "Are you married?" Ich bejahe, weil das die mögliche Anzahl offener Fragen reduziert. Mein Gesprächspartner nickt bedächtig. So, als müsse er über etwas Wichtiges reflektieren. Ich weiß auch nicht so recht, was ich sagen soll, denn eigentlich bin ich in Gedanken bereits einige Minuten weiter. Mein Zug ist überfällig, und der Bahnsteig um mich herum wird immer voller. "Your kind attention, please", quäkt es aus den Lautsprechern. Endlich, mein Zug wird angekündigt. Der dicke Typ steht immer noch neben mir, reibt sich das Kinn und blickt mich an. Da kommt unvermittelt Bewegung in die Menschenmasse. Der Zug rollt langsam ein. Ich trete zwei Meter zurück, um nicht im Strom der Reisenden mitgeschoben zu werden und versuche die einzelnen Wagennummern zu identifizieren. Das ist relativ einfach, weil diese meist deutlich sichtbar in rotweiß neben den Eingangstüren platziert sind. Heute ist mein Glückstag, denn mein Wagon mit der Nummer A1 hält genau vor mir. "Super", denke ich. "Das erleichtertes einiges." Ich reihe mich ein in eine Menschentraube, die dem Einstieg des Zuges entgegenstrebt, da tönt es von hinten an mein Ohr: "Do you have children?" Ich blicke mich instinktiv um: Scheiße, der dicke Typ. Keine Zeit für Smalltalk, die Leute schieben mich weiter.

Im Inneren des Wagens ist es kühl - und leise. Solide Glasfenster trennen uns von der Außenwelt. Im Strom der Passagiere mitschwimmend, finde ich mein Schlaf-Abteil und verstaue mein Gepäck. Beruhigung stellt sich ein. Ich mache es mir gemütlich und warte auf meine Reisegefährten für die kommenden Stunden. In Delhi hatte ich das Glück, ein kleines Stash an "Reiseproviant" zu ergattern. Wohlverstaut befindet es sich in den Tiefen meines Rucksacks versteckt. Das ist nicht ganz unwichtig, denn gerade auf der Strecke Delhi - Jammu kommt es immer wieder zu Gepäck-Kontrollen, weil die Behörden auf der Suche nach Separatisten aus Kaschmir sind. Ich bin indes sicher, keine Probleme zu kriegen, und so kann ich den Dingen gelassen entgegensehen. Morgen, im sicheren Hotelzimmer, werde ich mich für die "Reisestrapazen" belohnen. Die einzelnen Compartments sind lediglich durch Vorhänge vom Gang getrennt. An der Längsseite des Ganges befinden sich ebenfalls Übernachtungspritschen. Immer wieder schieben Leute ihr Gepäck kurz herein, weil ihnen jemand auf dem engen Korridor entgegenkommt. Ich frage mich, ob die Mehrheit dieser Menschen wohl umzieht. Die Gepäckmengen sind enorm. Langsam entspannt sich jedoch die Lage. Die meisten Reisenden haben ihre Plätze gefunden, der Strom der Besucher in meinem Abteil ebbt ab, der Zug setzt sich langsam in Bewegung. Ich bin immer noch der Einzige in meinem Vierer-Kabuff, aber das wird sich vermutlich noch ändern. Vorerst verteilt ein Sikh mit stylischem rosa Turban die Bettwäsche für die Nacht.

Ich danke ihm und mache mich daran, mein Bett herzurichten. Eine Art Zugbegleiter kommt vorbei und fragt, ob ich Abendessen wünsche. "Ja", sage ich, "bitte die vegetarische Variante." Das Essen werde später, in Höhe der Station Panipat, ausgegeben, lässt er mich wissen. Ich blicke aus dem Fenster in die gar nicht so dunkle Nacht und sehe, wie wir den Speckgürtel der Hauptstadt passieren. An den Bahngleisen liegen Hütten, später geht es durch Neubauviertel und an riesigen Fabrikanlagen vorbei. Fast eine Stunde benötigen wir, um Delhi hinter uns zu lassen. Es wird dunkler, schemenhaft sind manchmal Baum-Alleen erkennbar, die parallel neben der Schienenstrecke verlaufen. Die Grand-Trunk-Road, erste und längste Fernstraße des Subkontinents. Sie führt von Kolkata im Osten Indiens bis an den Khyberpass, den Gebirgsübergang nach Afghanistan. Ein Tee-Läufer kommt den Gang entlang. "Chai, Chai, garam Chai", ruft er mit lauter, kehliger Stimme. Ich greife gerne zu. Der Tee ist heiß, süß und milchig. Ein anderer Verkäufer liefert kleine Knabbereien. Erdnüsse, geröstete Linsen und Erbsen. Mit beachtlicher Geschwindigkeit schiebt sich der Zug über die welligen Schienen durch die Nacht, alle zehn Sekunden unterbrochen von seinem lauten Signalhorn, mit dem er alle warnt, die es sich eventuell zu nahe an den Gleisen gemütlich gemacht haben könnten. Entspannt genieße ich das Ambiente. Draußen wechseln kleine Dörfer, große Ackerflächen und lange Eukalyptus-Alleen einander ab. Kleinere und größere Lichtflecken und Feuerchen zeigen an, wo sich menschliches Leben abspielt. Dazwischen immer wieder alte Tempelchen und Schreine, die teils seit Jahrhunderten dort stehen, um den Menschen Zugang zu den Göttern zu gewähren.

Station Panipat. Verkehrsknotenpunkt im Bundesstaat Haryana. Durch die Fenster kann ich erkennen, wie unser Essen angeliefert wird. Der Aufenthalt im Bahnhof ist kurz, nur wenige Passagiere steigen zu. Der Essen-Typ von vorhin kommt, und liefert meine Mahlzeit. "50 Rupies, Sir", fordert er mich auf. Ich gebe ihm 60 Rupien, was er mit einem Lächeln quittiert und verschwindet. Noch immer bin ich alleine, daher breite ich mich auf der Liege aus und widme mich hingebungsvoll meinem Nachtmahl. Es gibt Linsen, Erbsen, Jogurt und Brot. Dazu natürlich Reis und abgepacktes Wasser. Lecker!

Gegen Mitternacht passieren wir Kurukshetra, den Ort der epischen Schlacht, die im Mahabharata beschrieben ist. Dort, wo der Gott Krishna auf Seiten der Pandavas für das Gute kämpfte. Heute ist hier davon nichts mehr zu spüren, wenn man einmal von wohlklingenden Namen einzelner Stadtteile absieht, wie beispielweise "Krishna Nagar" oder "Vishnu Colony". Ich beschließe, einen letzten Tee zu mir zu nehmen und begebe mich dann auf meine Pritsche, die sich oben im Abteil befindet. Das hat den Vorteil, dass man während des Schlafes seine Ruhe hat und nicht durch Gepäck-Herumgeschiebe und andere Aktivitäten der Mitreisenden gestört wird. Satt und zufrieden liege ich in meiner Koje. Ohrenstöpsel sorgen für eine gewisse Reduzierung der Umgebungsgeräusche, und so kann ich mich süßen Träumen hingeben - vorerst.

Pathankot, vermutlich das größte Dreckskaff ganz Indiens: Ich erwache aus meinem Dämmerzustand, weil irgendetwas an meiner Koje rüttelt. Nach ein paar Sekunden wird mir klar, dass es sich hierbei um einen höchst realen Vorgang handelt, der sich gerade abspielt. Es riecht nach Alkohol, daher kann ich eine Gepäckkontrolle intuitiv ausschließen. Als sich meine Augen an das helle Licht gewöhnt haben, erkenne ich zwei Soldaten, die mehr oder weniger unbeholfen bemüht sind, zwei riesige Metallkisten in meinem Abteil unterzubringen. Sichtlich angetrunken, rüttelt einer von beiden an meiner Pritsche, "Hello Sir, can you please re-arrange your luggage so that we can deposit our trunks here?", lallt er mich an. Ich ignoriere den Mann und werfe einen Blick zum Fenster hinaus, um unseren aktuellen Standort festzustellen. "Scheiße", denke ich, "Pathankot". Auf dem Bahnsteig scheint die halbe indische Armee unterwegs zu sein. Rufe, Gedrängel. Kisten und Bündel werden hin- und hergeschleppt. Dazwischen immer wieder Militärpolizei. Pathankot ist bereits seit der Zeit der kolonial-britischen Herrschaft in Indien eine wichtige Garnisonsstadt. Nur wenige Kilometer von der indo-pakistanischen Grenze gelegen, ballen sich hier die Streitkräfte, die das Land gegen einen vermeintlich aggressiven Nachbarstaat  - Pakistan - verteidigen sollen. Offenbar mangelt es der Truppe an Transportkapazitäten, denn regelmäßig werden hier ganze Truppenkontingente in reguläre Passagierzüge verfrachtet, um an ihre Einsatzorte gefahren zu werden. Dass damit ein ziviles Transportmittel zweckentfremdet wird, stört hier, im Lande Gandhis, offenbar keinen. Mich indes stört dieser Umstand, und so erkundige ich mich bei einer der zugestiegenen Schnapsdrosseln, wie er sich das vorstellt, mein Gepäck "umzuarrangieren". Der Mann ist Offizier. Er weist einen vergleichsweise hohen Bildungsgrad auf, daher schafft er es, trotz seines Zustandes, ein gewisses Verständnis für meine Frage aufzubringen. Eine befriedigende Lösung kann er freilich nicht anbieten. Ich empfehle daher ihm und seinem Kollegen, ihre Kisten einfach in der Mitte unseres Abteils zu platzieren und es dabei bewenden zu lassen. Schließlich wird unsere gemeinsame Fahrt nur noch rund zwei, drei Stunden dauern, und weitere Fahrgäste sind kaum zu erwarten. Sichtbar erleichtert stimmen meine beiden Reisegefährten dem Vorschlag zu, woraufhin unser Abteil quasi unbetretbar wird. "Was soll's?", denke ich, "bald ist der Spuk vorbei". Während ich mich anschicke, mein Nickerchen fortzusetzen, erkenne ich, dass die beiden sich heimlich eine Flasche Fusel teilen. Ich wünsche den Schluckspechten freundlich "Prost" und schlafe wieder ein.

Ich erwache, als unser "Truppentransporter" gerade in den Bahnhof von Jammu einrollt. Auf den Bahnsteigen sind Horden von Menschen zu erkennen, und ich frage mich, was die Leute alle hier treiben. Die Oktoberfest-Wies'n ist ein Scheiß dagegen. Selbst durch die geschlossenen Fenster hindurch kann ich die gleiche nervige Lautsprecherstimme wie in Delhi am Hauptbahnhof hören. Vermutlich informiert sie gerade alle Reisenden darüber, dass der Bahnhof wegen Überfüllung geschlossen werden muss. Leider geschieht das nicht, und so muss ich mich wenige Minuten später mit meinem Gepäck in einen endlosen Strom von Menschen einreihen, die im Gänsemarsch dem weit entfernt liegenden Ausgang zustreben. Ungefähr auf halber Strecke beschließe ich, eine kleine Rast einzulegen, weil ich gerne etwas frühstücken möchte. Indische Bahnhöfe mögen laut und überfüllt sein, sie sind aber auch garantiert der Ort, wo man immer ein anständiges Omelett auf Toast erhält. Genau danach steht mir der Sinn momentan. Dazu einen Becher Tee, und der Tag kann kommen. Derart gestärkt schaffe ich im zweiten Anlauf den Schritt hinaus ins Freie, wo mindestens noch einmal so viele Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz lagern und auf irgendetwas warten. Vielleicht ist ja der Dalai Lama im Anmarsch, und ich wusste es nicht. Umschwärmt werden die Reisenden von Dutzenden Hotelschleppern und Rikschafahrern, die sie in ihre Etablissements und Vehikel verfrachten möchten. Dazwischen laufen fliegende Händler umher und versuchen, ihre Waren loszuwerden - geröstete Erdnüsse, frittierte Toastbrote (sogenannte "French Toasts") und natürlich Tee. Ein älterer Typ nötigt mich, ihm eine Art indischer Barbie-Prinzessin-Puppe abzukaufen, die allerdings aussieht, als hätte sie eigentlich ein männliches Exemplar werden sollen. Genau das, was ich noch gebraucht habe. Ich lehne dankend ab, und der Verkäufer versucht sein Glück woanders, mutmaßlich ebenfalls ohne Erfolg. Es gelingt mir, zu akzeptablen Konditionen einen Lift mit der Motorrikscha ins Stadtzentrum zu checken, wo sich mein Hotel befindet. Es handelt sich hierbei um das sogenannte "Tourist Reception Center" (kurz: TRC), welches von der staatlichen Tourismusbehörde betrieben wird. Seine Lage, nur rund eine Gehminute vom Busbahnhof, macht es zum Ziel meiner Wahl. Obwohl das TRC eine Riesenanlage ist, die im Zentrum Jammus liegt, und obwohl dort sämtliche staatlichen Reisebusse ihren Ausgangspunkt haben, kennt kaum jemand die Herberge. Mein Fahrer indes ist offenbar ortskundig, und so geht es in rasender Fahrt durch die langsam zum Leben erwachende Stadt. Endstation ist nicht, wie geplant, das Hotel, sondern der große Tempel im Zentrum Jammus. Es zeigt sich nämlich, dass die Straße zum Hotel wegen eines Politikerbesuchs gesperrt ist und nur zu Fuß passiert werden kann. Die restlichen fünfhundert Meter muss ich daher auf den bequemen Transport verzichten. Was soll's? Es ist angenehm warm, und ein wenig die Beine vertreten tut nach der langen Zugfahrt ganz gut. Aus den Lautsprechern am Tempeleingang plärrt unaufhörlich das Morgengebet auf die Passanten ein. Die ersten Bettler haben sich ebenfalls bereits eingefunden, um die Gläubigen an ihre religiösen Pflichten zu erinnern.

Ich erinnere mich an die meinen und stapfe, mein Gepäck geschultert, in Richtung TRC davon. Es ist mittlerweile halb acht. Am Hotel angekommen, zeigt sich die ganze Lethargie des indischen Staatsapparats. Auf den Sofas der Rezeption liegen die Angestellten des Hotels und schlafen tief. Hinter dem Tresen herrscht ebenfalls Funkstille. Ich setze mich erst einmal auf die Außentreppe des Gebäudes und rauche eine Zigarette. Bloß keinen Stress am frühen Morgen. Irgendwie hat doch jemand mitbekommen, dass ein zeitiger Gast eingetroffen ist, denn nach kurzer Zeit erscheint ein verschlafen dreinblickender Typ in den Fünfzigern und fragt, was ich wünsche. Ich erkläre es ihm, händige ihm meine Buchungsbestätigung und den Pass aus und lasse ihn die weiteren Formalitäten erledigen. Ein lauter Schrei des Rezeptionisten lässt einen anderen Mann erscheinen, der mich zu meinem Zimmer führt.

Dort angekommen, lasse ich mir erst einmal ein ausgiebiges Frühstück kommen, um mich danach an meinem mitgeführten "Reiseproviant" zu erfreuen. Die Wirkung tritt unmittelbar ein, und kurze Zeit später schnarche ich tief und fest bei laufendem Fernseher.

Das Buchungsbüro der staatlichen Buslinien befindet sich um die Ecke vom Hotel und hat den ganzen Tag geöffnet. Als ich gegen Mittag ausgeschlafen habe, kaufe ich mir das Ticket ins Kaschmir-Tal für den nächsten Morgen. Danach geht's direkt zum großen Raghunath-Tempel, dessen Hauptgottheit Rama ist. Mittlerweile pulsiert das Leben an der Hauptkreuzung, und am Tempeleingang stauen sich die Pilger. Viele von ihnen sind nach Jammu gekommen, um den nahegelegenen Schrein der Vaishno Mata Devi zu besuchen. Da die meisten hier ohnehin umsteigen oder übernachten müssen, lohnt sich für sie ein Besuch des Raghunath Tempels. Schließlich kann man nie genug göttlichen Beistand haben. Am Eingang zum Tempel erweist es sich, dass ich meine Kamera aus "Sicherheitsgründen" abgeben muss. Gott sei Dank habe ich mir keinen Reefer für unterwegs eingesteckt. Andererseits riecht es selbst im Eingangsbereich eindeutig nach würzigem Charras.

Vielleicht einer der selbsternannten "Sadhus", die in langer Reihe neben dem Tempeleingang sitzen und auf ein Almosen hoffen. Im Gegensatz zu uns "Normalsterblichen" dürfen in Indien nämlich manche Gläubige auch kiffen, weil es "ihr Gott" ebenfalls praktiziert, so beispielsweise Shiva. Wie auch immer: Ich habe nichts zu befürchten, daher geht die fällige Leibesvisitation problemlos über die Bühne. Im Inneren des Tempels befinden sich zahlreiche kleine Schreine, die verschiedenen Gottheiten geweiht sind sowie noch mehr Pilger, die diese besuchen und anbeten. Überall stehen bewaffnete Soldaten, weil man Angst vor Angriffen bewaffneter Islam-Kämpfer aus Kaschmir hat. Bereits mehrfach war der Tempel in der jüngeren Vergangenheit das Ziel von Attentaten. Ich lasse mich im Innenhof des Tempelkomplexes nieder, um die Szenerie ein wenig auf mich wirken zu lassen. Während manche Pilger gezielt einen bestimmten Schrein ihrer Wahl ansteuern, um dort zu beten, "arbeiten" andere die ganze Reihe von Andachtsplätzen ab, opfern hier eine Kokosnuss, entzünden dort einige Räucherstäbchen. Dann geht es weiter zur nächsten Gottheit. Das scheint mir eine höchst pragmatische Herangehensweise zu sein, denn je nach Stimmung und Anliegen kann man den Adressaten seiner speziellen Wünsche frei auswählen, ohne eine andere Gottheit dadurch zu vergraulen. Die wird dann eben bei anderer Gelegenheit bemüht. Zunächst kann ich in Ruhe dort sitzen. Dann jedoch entdeckt mich eine neugierige und höchst kommunikative Großfamilie als Attraktion und fragt mich über mein Leben aus. Wie überall auf der Welt, finden sich bald entsprechende Nachahmer, und so bin ich in kurzer Zeit von Menschen umringt, die sich nach meiner Ehefrau, den obligatorischen Kindern oder der Bundeskanzlerin erkundigen. Tapfer halte ich eine halbe Stunde durch, bevor ich beschließe, den Tempel zu verlassen und damit den Gläubigen wieder die Gelegenheit zur Andacht zu ermöglichen.

Mittlerweile ist es bereits Nachmittag. Ich flaniere an den Reihen von Pilgern, "Heiligen Männern" und Quacksalbern vorbei, die den Bürgersteig säumen, lasse einen mobilen Zahnarzt wissen, dass ich keinen Zahn gezogen bekommen möchte und erreiche schließlich wieder das TRC.

Dort ziehe ich mich erst einmal auf mein Zimmer zurück und dampfe gemütlich einen, während ich mir ein Kricketspiel im Fernsehen anschaue. Einigermaßen hungrig suche ich wenig später das Restaurant auf und stelle erstaunt fest, dass ich der einzige Gast bin. Gelangweilt hängen die Kellner in einer Sitzgruppe herum und warten auf Kundschaft. Im Hintergrund dudelt leise Sitarmusik. Von Heißhunger geplagt, entscheide ich mich für lecker Kebab, Reis und Fladenbrot. Dazu gibt es süßen grünen Tee mit Kardamom - Kaschmiri-Style. Immer noch angenehm stoned von meinem guten Keralagras und mittlerweile angenehm gesättigt, lümmele ich auf dem Sofa meiner Sitzgruppe herum und genieße das Ambiente. Leise Musik, kein Geschrei, gemütliche Einrichtung. Morgen wird ein anstrengender Tag werden, denn es soll bereits um 7 Uhr früh losgehen. Dann erwartet mich eine Fahrt über den Himalaja-Kamm hinweg, hinein ins liebliche Kaschmir-Tal, die den ganzen Tag in Anspruch nehmen wird. Da tut ein wenig Entspannung heute Abend gut. Aus der Küche höre ich das entfernte Lachen einiger Angestellter.

In meinem Zimmer werfe ich mich auf das bequeme Doppelbett, genieße noch einen kleinen Gute-Nacht-Spliff und verstaue den Rest meines Stashs wieder sicher im Gepäck. In dem beruhigenden Bewusstsein, gut vorbereitet zu sein, schlafe ich ein. Die Nacht endet mit dem durchdringenden Rasseln meines Weckers. Schlaftrunken mache ich mich fertig, schultere mein Gepäck und gehe die wenigen Schritte zum Busparkplatz. Bis auf wenige Menschen sind die Straßen noch leer. Am Busbahnhof angekommen, erfahre ich, dass die heutige Fahrt gecancelt sei. Es habe einen Erdrutsch auf der Hauptstrecke gegeben, und die Aufräumarbeiten würden den ganzen Tag in Anspruch nehmen. Morgen werde es wieder weitergehen - inshallah. Schock. Ich treffe schnell die Entscheidung, mein Glück mit einem der zahllosen Sammeltaxis, welche die Strecke ebenfalls bedienen, zu versuchen. Einige von ihnen sind echte Jeeps und können daher auch kleinere Ausweichrouten befahren. Zumindest eine Chance. Auf der Hauptstraße checke ich eine der wenigen Rikschas, zahle einen Wucherpreis und finde mich kurz darauf an der Abfahrtsstelle für die Sammeltaxis ins Kaschmir-Tal wieder. Schlepper, Fahrer und Passagiere schreien um die Wette. Halbleere Fahrzeuge kurven wild durcheinander, auf der Suche nach weiteren Fahrgästen. Ein scheinbares Chaos. Das Glück ist mir hold, denn in dem Durcheinander gelingt es mir, eine wichtige Information zu erhaschen, die da lautet: Die Behörden haben die alte Mogulstraße ins Kaschmir-Tal als Alternativ-Route geöffnet. Über 400 Jahre alt, war dies früher die einzige Verbindung nach Kaschmir, die den größten Teil des Jahres genutzt werden konnte. Heute liegt sie fast unmittelbar an der pakistanischen Grenze, wo sich die Kasernen der indischen Armee aneinanderreihen, um den bösen Feind abzuschrecken. Damit ist sie die meiste Zeit für Touristen off-limit. Die Route der sogenannten "Mughal Road" führt durch den Distrikt Rajouri. Immer wieder von massiven Sicherheitsproblemen geplagt, ist es zugleich eine Region, wo die im Sommer umherziehenden Semi-Nomaden Kaschmirs mit ihrem Vieh die Winter verbringen. So hat mir der Erdrutsch auf der Hauptstrecke unverhofft zu einem großen Glücksfall verholfen. Ich werde mir nun ein zuverlässig wirkendes Taxi suchen und mich dann auf die spannende Fahrt in ein mir gänzlich unbekanntes Stück Kaschmir machen. In Srinagar, der Hauptstadt des Kaschmir-Tals , mit seinen Tausenden von Hausbooten, werde ich einige Tage verbringen, morgens auf der Veranda am See frühstücken, mittags das gebirgige Umland der Stadt erkunden, und beim Nachmittags-Tee eine gemütliche "Sundowner-Hookah" rauchen. Ich werde Freunde treffen, meinen "Hausdealer" und mich mit ein paar Vertretern der lokalen Widerstandsbewegung über die Situation im "Paradies" unterhalten. Das alles im dritten und letzten Teil meiner Reportage. Seid gespannt...

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