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Legalisierung & Schwarzmarkt: „Das Geschäft läuft stabil“
Für einen liberalen Umgang mit Cannabis sowie eine gesetzliche Regelung, welche erwachsenen Menschen ermöglicht, es legal zu erwerben, spricht sehr viel. Neben Faktoren wie Jugendschutz, Aufklärung und Gesundheitsschutz für Konsumierende war und ist eines der gewichtigsten Argumente für eine umfängliche Legalisierung die Auswirkung auf den illegalen Handel. Auch mit dem deutschen Cannabisgesetz wollte man eigentlich den Schwarzmarkt bekämpfen. Allerdings ist die Teillegalisierung bekanntlich auf halbem Weg stehengeblieben, sodass es bislang außer Selbstversorgung und ein paar wenigen Anbauvereinen keine legalen Bezugsmöglichkeiten gibt.
Gut, da sind die diversen Telemedizinplattformen, welche derzeit noch eifrig darum werben, neue Cannabispatientinnen und -patienten an Ärzte und Versandapotheken zu vermitteln. Doch der immense Anstieg im Bedarf an medizinischem Cannabis ist der neuen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) offenbar bereits ein Dorn im Auge: So will Lauterbachs Nachfolgerin zwar die im Koalitionsvertrag der neuen Regierung vereinbarte „ergebnisoffene Evaluation“ abwarten, hat aber bereits angekündigt, dass sie den Online-Verschreibungen einen Riegel vorschieben will. Während also weiter evaluiert, diskutiert und reguliert wird, bleibt der Schwarzmarkt von alldem völlig unbeeindruckt. Oder nicht?
Wie bereits in den vergangenen grow!-Ausgaben haben wir auch diesmal wieder mit jemandem gesprochen, der diese Auswirkungen der Teillegalisierung in Deutschland aus erster Hand miterlebt. W. ist 39 Jahre alt und sieht ein wenig müde, aber gut gelaunt aus, als wir uns mit ihm treffen. Er verkauft nun schon seit beinahe fünfzehn Jahren Cannabis. Das lief nicht immer glatt und hat ihm auch schon einmal Schwierigkeiten mit dem Gesetz bereitet. Er möchte nicht, dass wir verraten, in welcher Stadt er tätig ist – eine kleine ist es jedenfalls nicht.
grow! Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, mit uns zu sprechen.
W.: Passt schon.
grow! Möchtest du unserer Leserschaft ein wenig von dir erzählen?
W.: Zu viel möchte ich natürlich nicht über mich verraten. Aber so viel geht schon klar: Ich habe so ungefähr um 2010 damit angefangen, an ein paar Leute Gras zu verkaufen. Daraus ist ziemlich schnell sehr viel mehr geworden. Ich bin damals ein wenig leichtsinnig geworden und hab es gleich ordentlich übertrieben. Allerdings gab es dann auch schnell Stress, ein ziemlich großer Einkauf ist schiefgelaufen ... Naja. Sagen wir mal, ich habe dann ein Jahr Pause gemacht. Inzwischen habe ich ein gut laufendes Geschäft, das ausschließlich Stammkunden bedient. Es ist mein zweites Standbein. Was ich im sogenannten richtigen Leben mache, möchte ich lieber nicht sagen. Aber es ist ein stinknormaler Job.
grow! Von welchen Dimensionen sprechen wir denn – oder anders gefragt: Wie viel verkaufst du zurzeit so ungefähr pro Monat?
W.: Die Nachfrage schwankt natürlich immer ein wenig, das ist ganz normal. Und ich führe auch nicht Buch. Aber wenn ich die letzten Monate überschlage, werden es jeweils mindestens zwei Kilo gewesen sein.
grow! Hast du das Gefühl, dass es seit der Teillegalisierung im letzten Jahr mehr geworden ist?
W.: Da ich schon seit Jahren fast immer nur an dieselben Personen verkaufe, ist der Bedarf sehr lange relativ konstant geblieben. Also von besagten Schwankungen mal abgesehen. Aber natürlich ist es mehr geworden: Ich würde mal behaupten, dass vielleicht ungefähr die Hälfte meiner Kundschaft nicht nur Eigenbedarf bei mir kauft, sondern selbst auch ein paar Leute versorgt. Und da sind ab April letzten Jahres wohl nach und nach einige dazu gekommen. Es war aber jedenfalls kein krasser Anstieg, die Nachfrage ist nicht auf einmal durch die Decke gegangen.
grow! Hat sich denn davon abgesehen irgendetwas für dich verändert?
W.: (überlegt eine Weile) Ja und nein. Was das reine Geschäft angeht, ist alles beim Alten geblieben. Was ich hier tue, war früher illegal und ist es heute immer noch. Vielleicht sind alle Beteiligten seit der Legalisierung ein bisschen entspannter, andererseits bewegen wir uns hier ja trotzdem in einem Bereich weit jenseits des entkriminalisierten Eigenbedarfs. Was meine Kundschaft betrifft, habe ich allerdings schon gemerkt, dass es ein großes Ding für die meisten war. Und ist. Einige lassen sich ihren Einkauf seitdem direkt in Portionen von jeweils 25 Gramm abpacken – aus Sicherheitsgründen (grinst).
grow! In anderen Gesprächen haben wir immer wieder gehört, dass der Anspruch bei den Konsumierenden gestiegen sei. Erlebst du das auch so?
W.: Klar. Gut, viele meiner Leutchen waren immer schon Freaks und wollten alles ganz genau wissen. Das sind alles keine Anfänger. Aber was früher Fachwissen war, wird offensichtlich immer mehr zum Standard. Vor drei, vier Jahren hat es den meisten noch völlig gereicht, wenn ich sagen konnte, was es ungefähr für eine Sorte sein dürfte, die ich ihnen da anbiete. Haze, Kush und so weiter. Heute wird auf jeden Fall öfter mal nach der genauen Bezeichnung, dem Wirkstoffgehalt und der Genetik gefragt.
grow! Kannst du da denn überhaupt immer genaue Angaben zu machen?
W.: Kann ich tatsächlich. Mein Geschäft läuft nicht nur deshalb so konstant und entspannt, weil ich meinen Kundenstamm zahlenmäßig beschränke, sondern auch, weil ich seit einigen Jahren ausschließlich von denselben Growern kaufe. Ein absoluter Glücksfall, die Leute. Seitdem habe ich immer mindestens zwei, manchmal bis zu fünf Sorten im Angebot. Die beiden haben früher für ein paar Patienten angebaut und haben es voll raus. Die suchen sich immer wieder großartige Sorten aus und liefern dann beste Qualität. In der Hinsicht sind meine Kunden ehrlich gesagt schon ziemlich verwöhnt (lacht). Ich kann also immer recht sicher sagen, was ich da habe.
grow! Das klingt wirklich gut. Gibt es sonst noch etwas, was sich für dich verändert hat?
W.: Die Perspektive. Ehrlich gesagt habe ich nie so richtig daran geglaubt, dass Gras mal legal sein würde. Klar, wir haben keine volle Legalisierung, aber hey! Du kannst jetzt einfach draußen mit Vorrat in der Tasche und brennendem Joint rumlaufen – Wahnsinn. Das habe ich nicht kommen sehen. Aber als klar war, dass sich da tatsächlich etwas tut, habe ich zum ersten Mal darüber nachgedacht, ob ich das auch als legales Geschäft betreiben wollen würde. Quasi einen Shop betreiben.
grow: Würdest du?
W.: Klar! Aber seien wir mal ehrlich: Das wird nicht passieren. Selbst, wenn es eine richtige, volle Legalisierung gäbe, mit Lizenzen für legalen Verkauf und allem Pipapo, dürfte ich mit meiner Vorgeschichte wahrscheinlich trotzdem nicht mitspielen. Aber mal davon abgesehen: Natürlich wäre es der Hammer, wenn ich ganz legal in einem eigenen kleinen Laden Gras verkaufen könnte. Ein Träumchen! (lacht) Ich glaube aber einfach nicht, dass es dazu kommen wird.
grow! Du sagtest, dass du auch nicht an die Teillegalisierung geglaubt hast ...
W.: Erwischt. Ja, stimmt. Okay, sagen wir es so: Ich lasse mich da gerne überraschen, aber ich erwarte nicht, dass die neue Regierung besonders entspannt sein wird, wenn es um Gras geht. Dabei ist es einfach nur bescheuert, den Verkauf nicht zu erlauben. Ich meine: Klar freue ich mich, dass ich derzeit auf meine Einnahmen keine Steuern zahlen muss. Mehr für mich. Aber dafür habe ich eben auch das Risiko. Es könnte so einfach sein ...
grow! Kein Einspruch von unserer Seite.
W.: Ehrlich, ist doch nicht zu fassen: Da erlauben die dir endlich den Eigenbedarf und sogar deine drei Pflanzen, aber wehe jemand fordert ernsthaft legalen Verkauf an Erwachsene. Und jetzt? Jetzt kiffen alle entspannter als je zuvor, aber am Ende kaufen trotzdem alle wieder bei Leuten wie mir. Dann soll sich aber auch keiner darüber beschweren, dass weiterhin gedealt wird. Was glauben die denn, wo das herkommen soll?
grow! Selbstversorgung? Immerhin gibt es ja auch noch die Anbauvereine. Außerdem sind offensichtlich auch gar nicht so wenige Konsumierende auf die Versorgung über Versandapotheken umgestiegen.
W.: (winkt ab) Ach, hör mir doch auf mit diesen Vereinen. Ist doch ein einziges Trauerspiel. Klar, schöne Sache, wenn es denn einer machen will, bei der ganzen Bürokratie. Aber komm schon: Damit wirst du niemals auch nur einen Bruchteil des Bedarfs decken können. Das ist mehr so ein Kleingartenvereins-Ding für kiffende Mittelständler, glaube ich. Und Selbstversorgung? Falls du Eigenanbau meinst, da haben bestimmt eine Menge Leute Spaß dran und da haben auf jeden Fall auch nicht wenige jetzt mit angefangen. Aber ich glaube im Leben nicht, dass es groß ins Gewicht fällt. Die Geschichte mit den Apotheken dagegen ist ganz spannend. Ich schätze aber mal, dass sich da demnächst auch etwas tun wird.
grow! Was meinst du, was passieren wird?
W.: Also für mich und meine Kundschaft ist das alles mit den Vereinen, Selbstversorgung und Apotheken offenbar nicht so richtig relevant, sonst wäre ja die Nachfrage zurückgegangen. Aber man bekommt ja trotzdem mit, dass sich offensichtlich mehr Leute auch mal online ein Rezept ausstellen und Gras nach Hause schicken lassen. Kein Wunder, wenn man entkriminalisiert, ohne gleichzeitig Shops zu erlauben. Was haben die denn gedacht, was passiert? Ich denke aber, dass es kein Dauerzustand sein wird. Vermutlich wird es nicht so einfach bleiben, an ein Rezept zu kommen. Und die ganzen Leute, die das jetzt regelmäßig so machen, werden sich dann eben wieder auf dem Schwarzmarkt versorgen. Also bei mir.
grow! Du scheinst dir jedenfalls keine großen Sorgen um die Zukunft zu machen.
W.: (grinst) Nö. Wirklich nicht. Das Geschäft läuft stabil. Wie gesagt: Auch, wenn ich mich gerne überraschen lasse, glaube ich nicht daran, dass es so bald einen legalen Verkauf in Deutschland geben wird. Aber eine andere wirksame und realistische Maßnahme gegen illegalen Handel sehe ich eben auch nicht. Die Nachfrage existiert, das ist Fakt. Verbote haben die Leute früher nicht davon abgehalten und werden es auch in der Zukunft nicht. Aber obwohl legaler Verkauf eigentlich die einzige sinnvolle Maßnahme wäre, damit der Staat wenigstens noch was dran verdient und man Qualität sichern könnte und so, bleiben die hier wohl wahrscheinlich einfach stur.
grow! Letzte Frage: Was würdest du denn tun, wenn tatsächlich doch eine vollständige Legalisierung mit legalem Verkauf beschlossen würde? Würdest du einfach weitermachen?
W.: Das ist der Perspektivwechsel, den ich meinte. Der Gedanke, ein legales lizenziertes Geschäft mit hochwertigem Cannabis zu betreiben, gefällt mir schon. Obwohl ich es nicht für realistisch halte. Aber seit letztem Jahr habe ich mir immer wieder mal vorgestellt, dass es schon ganz schön wäre, dass alles hier ohne Risiko betreiben zu können. Ist doch eine Win-win-Geschichte: Ich könnte entspannter leben und der Staat würde auch noch mitverdienen. Und ich glaube, ich wäre sogar bereit, mich mit dieser ganzen beschissenen Bürokratie herumzuschlagen, wenn es diese Möglichkeit tatsächlich geben würde. Aber, hey ... (winkt ab). Solange mache ich jedenfalls weiter wie bisher.
grow! Danke für das Gespräch.
W.: Gerne.
Der Eindruck, welchen wir seit Beginn dieser Gesprächsreihe haben, hat sich ein weiteres Mal verstärkt: Das Ziel, mit der Teillegalisierung von Cannabis für Erwachsene den hiesigen Schwarzmarkt zu bekämpfen, ist augenscheinlich krachend gescheitert. Der Grund dafür ist offensichtlich, aber dennoch gibt es derzeit nicht gerade viel Hoffnung darauf, dass die neue Bundesregierung die einzig sinnvolle Konsequenz zieht und den Verkauf von Cannabis endlich erlaubt. Also bleibt das Geld, welches der Staat auf diesem Weg einnehmen könnte, bei Leuten wie W., die mit ihrem illegalen Geschäft ein ständiges Risiko eingehen. Dabei hätte er ja offensichtlich nichts dagegen, legal verkaufen zu dürfen.
Lauter als mit diesem Gespräch kann es den Verantwortlichen eigentlich nicht zugerufen werden: Selbst vonseiten des Schwarzmarkts gibt es Stimmen, die sich den legalen Verkauf wünschen. Dieser war immerhin, wir erinnern uns, eigentlich als „zweite Säule“ der deutschen Legalisierung von Cannabis vorgesehen gewesen. Doch unter anderem die Blockadehaltung der Unionsparteien hat die Umsetzung dieses Fahrplans ausgebremst. Von den ursprünglich vorgesehenen Modellprojekten zur legalen Abgabe ist keines realisiert worden. Und jetzt? Jetzt warten wohl alle erst einmal auf den Herbst und sind gespannt, welchen Kurs die neue Bundesregierung nach der angekündigten „Evaluation“ in Sachen Cannabis einschlagen wird. Unsere Haltung dazu ist und bleibt jedenfalls wie gehabt: Free the weed & let it grow!
Hinweis: Dieser Artikel stammt aus der grow! Magazin Ausgabe 04-2025
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