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Drogen aus dem Deepweb

01.09.2014
grow! Magazin
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international

„Die Post bringt allen was“

Verschwörungstheorien, japanische Weltraumpornos und Katzen, die in Waschbecken sitzen – im Internet gibt es bekanntlich nichts, das es nicht gibt. Auch Drogenkonsumenten und -dealer haben das World Wide Web schon lange für sich entdeckt. Silk Road und andere Netzwerke im Deepweb erlauben augenscheinlich anonymen Handel mit illegalen Substanzen. Den Behörden fällt es schwer, dauerhaft etwas dagegen zu unternehmen. Ein Tatsachenbericht.

Wer sich zum ersten Mal in die Silk Road einloggt mag daran zweifeln, ob das alles echt sein kann. Zwar sieht das Interface der Seite kaum anders aus, als das von Amazon oder Ebay, nur sind hier statt Kleidung, Bücher und Computerzubehör, hauptsächlich Drogen im Sortiment. Von MDMA und Speed, über Cannabis und Khat, bis hin zu Heroin, verschreibungspflichtigen Medikamenten und diversen Psychedelika. Ganz egal, ob ein Gramm Gras oder drei Kilo Koks, hier wird Rauschgift in allen Mengen, Farben und Formen angeboten. Und nein, das ist kein Fake, die Silk Road gibt es wirklich. Darf man einer, an der Cornell University veröffentlichten Studie glauben, werden hier monatlich mindestens 1,2 Millionen US-Dollar umgesetzt. FBI und Bundeskriminalamt wissen das natürlich, tun sich aber schwer, im Kampf gegen die Betreiber nachhaltige Erfolge zu erzielen. Denn was Anonymitätssoftware und Verschlüsselungsmethoden betrifft, machen diese sich modernste Technologie zu Nutze.

Anonymität mit Nebenwirkungen

Einfach über Google Chrome oder Firefox kann man den online Drogenmark natürlich nicht ansteuern. Silk Road lässt sich nur über TOR erreichen, ein Netzwerk das seinen Teilnehmern höchstmögliche Anonymität verspricht. Mit Hilfe eines speziellen Browsers versteckt sich der Benutzer hinter einem Netz aus 5.000 Servern, das es erheblich erschwert, seinen Standort festzustellen. Die Verschlüsselung hat zwar zur Folge, dass man deutlich langsamer surft, aber immerhin wurde das TOR Netzwerk als „Königsklasse der Internetanonymität“ bezeichnet – und das von keinem geringeren als der NSA.

Obwohl von solchen erdacht, dient das Netzwerk heute offensichtlich nicht nur modernen Revolutionären und Bürgerrechtlern, die Verfolgung vermeiden oder Internetzensur umgehen wollen. Auch weniger sympathisches Klientel, wie Drogendealer und Pädophile, weiß die hohe Anonymität und Sicherheit zu schätzen. Aus dem Lager der TOR-Entwickler hagelt es heftige Kritik gegen die Betreiber von Silk Road und ähnlichen Plattformen. Sie würden ein Werkzeug, das eigentlich dazu gedacht wäre die Redefreiheit von Internetbenutzern zu bewahren, zur persönlichen Bereicherung missbrauchen. Ein berechtigter Vorwurf, der leider wenig bringt. Denn wer absolut freien Informationsfluss bei maximaler Anonymität ermöglicht, kann Missbrauch niemals ausschließen.

Gewisse Regeln gibt es innerhalb von Silk Road trotzdem, auch wenn diese nur bedingt eingehalten werden. So verbieten die AGB den Handel mit allem was dazu dient, um „Schaden anzurichten“. Aufgelistet werden beispielsweise Kinderpornographie, gestohlene Kreditkartennummern, Massenvernichtungswaffen und Auftragsmorde. Zumindest letzteres soll schon vorgekommen sein, so die amerikanische Staatsanwaltschaft, die zurzeit gegen einen ehemaligen Betreiber von Silk Road ermittelt. Auch abseits von Drogen findet man im Sortiment des Onlinemarkts nicht unbedingt das, was man sonst auf Amazon erwarten würde. Kaliumcyanid-Selbstmordpillen, Laborausrüstung zur Herstellung von Crystal Meth, gefälschte Ausweise und Dienstleistungen wie das Hacken von WIFI Zugangsdaten, zum Beispiel.

Bitcoins-zurück-Garantie

Will jemand ein Produkt über Silk Road erwerben, legt er es, so wie auf Amazon, erstmal in den elektronischen Einkaufswagen. Doch die Bezahlung lässt sich nicht einfach über Vorauskasse, Kreditkarte oder PayPal abwickeln. Um auf der Website einzukaufen benötigt man Bitcoins, eine sogenannte Kryptowährung, die über ein gut verschlüsseltes Peer-To-Peer Zahlungssystem ausgetauscht wird. Auch wenn Bitcoins keinesfalls durch reelle Werte gedeckt sind, konnten sie in den letzten Jahren zunehmende Popularität und einen beträchtlichen Preisanstieg verzeichnen. Das Zahlungsmittel wir mittlerweile nicht nur im Internet verwendet. In vielen Städten gibt es bereits Shops, in denen man damit bezahlen kann. Sogar erste Bitcoin Geldautomaten kann man finden.

Hat man Bitcoins erworben, liegen diese zuerst in einer virtuellen Geldbörse, die nur über einen Link zu erreichen ist. Diesen Link gilt es geheim zu halten, verliert man ihn sind die Bitcoins futsch. Bei einer Transaktion wird die Kryptowährung über einen eigens generierten Link vom Konto des Käufers entnommen und dem Verkäufer gutgeschrieben. Das ganze funktioniert über hochwertige Verschlüsselungstechnologie und ist kaum nachzuverfolgen. Nicht zuletzt deswegen wird angenommen, dass Bitcoins auch zur Geldwäsche und Steuerhinterziehung verwendet werden.

Sobald der Verkäufer sein Geld hat kann ein Silk Road Kunde die Adresse übermitteln, an die das Produkt verschickt werden soll. Manche Händler liefern nur innerhalb des eigenen Kontinents oder Landes, andere bieten internationalen Versand an. Wie bei anderen Onlinemärkten, dienen Kundenrezensionen als Hauptindikator für Qualität des Produkts und Zuverlässigkeit des Händlers. Eine wichtige Rolle spielt dabei Stealth, also wie gut die Drogenlieferung getarnt ist. Immerhin hängt davon unter anderem davon ab, wie wahrscheinlich es ist, dass das Paket vom Zoll oder Rauschgiftdezernat abgefangen wird. Viele Händler bieten Geld-zurück-Garantie, falls der Stoff nicht ankommt.

„Das Ebay für Drogen“

Seit Februar 2011 funktioniert Silk Road nach diesem System. Und das mehr oder weniger unbeeinträchtigt von den zahlreichen Bestrebungen, die Website einzustellen. Gegründet wurde die digitale Neuauflage der Seidenstraße damals vom ominösen „Dread Pirate Roberts“. Dass sich hinter diesem Pseudonym mehr als eine Person versteckt ist anzunehmen, denn es wurde der Fantasykomödie „The Princess Bride“ entlehnt, in der es als Wandertitel fungiert, der von Person zu Person weitergegeben wird. Der aktuelle Dread Pirate Roberts im Film ist übrigens für seine libertären, anti-autoritären Ideale bekannt und stellt sich gerne über das Gesetz. Ähnlich also, wie die Betreiber der Website.

Sobald Mainstreammedien, einige Monate nach der Gründung, auf Silk Road aufmerksam wurden (der Economist bezeichnete die Website als „das Ebay für Drogen“), wurden erste Forderungen an die amerikanische Rauschgiftbehörde laut, die Seite zu schließen. Es dauerte zwei Jahre lang, bis zum ersten Mal ein Drogendealer verhaftet wurde, der eindeutig mit einem Silk Road Account in Verbindung gebracht werden konnte. Wenig überraschend handelte es sich dabei um einen Australier. Er wollte per Post Kokain und MDMA importieren – ein riskantes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass, durch die besonders streng kontrollierten australischen Zollbestimmungen, sogar ein nicht deklarierter Schokoriegel, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, an der Grenze abgefangen wird.

Angesichts der zahlreichen Transaktionen, die bis dahin über Silk Road abgewickelt wurden, scheint die erste Verhaftung im Jahr 2013 lange überfällig gewesen zu sein. Geht man nämlich tatsächlich von einem monatlichen Umsatz von 1,2 Millionen Dollar aus, dann wären zuvor Geschäfte im Wert von 30 Millionen Dollar, ohne nennenswerte Zwischenfälle, über die Bühne gegangen. Von so einem Risk-to-Benefit Ratio kann der Teil der Drogenökonomie, der sich auf Bahnhofsvorplätzen und in nächtlichen Parks abspielt, wahrscheinlich nur träumen. Der Junky von heute bekommt sein Gift anscheinend per Post zugestellt und umgeht so manche Gefahren des Straßenhandels.

DarkMarket: Neue Hürde für Behörden

Vorerst können die Behörden im Kampf gegen Silk Road also nur kleine Erfolge verbuchen. So kommt es zum Beispiel zur Konfiszierung von Bitcoins im Wert von 814 Dollar und zu einem kurzweiligen Serverausfall, der durch eine DDos Attacke herbeigeführt wurde. Doch am 2. Oktober 2013 gelingt dem FBI der große Schlag: Silk Road wird geschlossen und ein Ross William Ulbricht, mutmaßlicher Kopf von „Dread Pirate Roberts“, wegen dem Verdacht auf Drogenhandel, Geldwäsche und dem Vermitteln von Auftragsmorden festgenommen. Bitcoins im Zeitwert von über 3 Millionen Dollar werden beschlagnahmt. Wenig später folgen weitere Bitcoins im Wert von fast 30 Millionen Dollar, die angeblich Ulbricht gehören sollen.

Nichtsdestotrotz ist Silk Road gut einen Monat später wieder online. In den Wochen darauf kommt es zu weiteren Verhaftungen, sowie zahlreichen Umstrukturierungen im Team der Seitenbetreiber. Administratoren und neue Inhaber des Titels „Dread Pirate Roberts“ geben sich die Klinke in die Hand. Doch für Konsumenten und Händler funktioniert die Seite weitgehend unbeeinträchtigt. Kleinere Zwischenfälle, wie zuletzt Serverattacken im Februar 2014, stören den Betrieb lediglich vorübergehend.

Durch das TOR Netzwerk dürften Server und Betreiber der Seite so schwer aufzuspüren sein, dass es der Exekutive einfach nicht gelingt, Silk Road endgültig zuzusperren. Und sollte dies eines Tages doch der Fall sein, wartet schon der erste Nachfolger. Ein unter dem Namen DarkMarket entwickelter Prototyp setzt beim Onlinedrogenhandel auf ein Peer-to-Peer System, das ohne Zentralserver auskommt. Das Entwicklerteam wurde für das innovative Konzept vor kurzem, auf einem Hackathon in Toronto, mit 20.000 Dollar ausgezeichnet. Setzt sich das System durch, wird es FBI und Co. wohl noch schwerer fallen, gegen den organisierten Drogenhandel im Internet vorzugehen.

Unfreiwillige Drogenkuriere

Der reelle Nachfolger der historischen Seidenstraße, eine Karawanenverbindung zwischen Mittelmeer und Ostasien, auf der zum Beispiel Gewürze und Stoffe befördert wurden, wird heute übrigens als „Heroin-Highway“ bezeichnet. Denn die Route dient dem Opiumschmuggel von Afghanistan nach Europa, sowie dem Transport von Essigsäureanhydrid, welches zur Herstellung von Heroin benötigt wird, in die umgekehrte Richtung. In diesem Sinne erfüllt also auch das moderne Original der Seidenstraße einen ähnlichen Zweck, wie ihr virtuelles Gegenstück.

Zahlreiche Kleinverbraucher dürften dazu beitragen, dass Post, DHL, UPS und andere Logistikunternehmen zum unfreiwilligen Drogenkurier Nummer eins avanciert sind. Und wie das Beispiel Silk Road zeigt, kämpft der Gesetzgeber immer mehr damit, restriktive Suchtmittelbestimmungen erfolgreich durchzusetzen. Es sieht so aus, als müsse man nach neuen Wegen suchen, der Rausch- und Abhängigkeitsproblematik gegenüberzutreten. Ob diese über strengere Kontrollen oder liberalisierten Zugang führen werden, wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

J. C. Zeller

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