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Patienteninterview: Cannabis bei Clusterkopfschmerz, Asthma und Tinnitus

15.06.2020
grow! Magazin
(Kommentare: 0)
Medizin

 

Im Juni 2017 wurde im Kongress der Europäischen Akademie für Neurologie eine italienische Studie vorgestellt, die zeigt, dass Cannabis so wirksam wie verfügbare pharmazeutische Therapien für die Prophylaxe der Migräne ist.

In einer Phase-2-Studie erhielten 79 Patienten mit chronischer Migräne über einen Zeitraum von drei Monaten eine tägliche Dosis 25 mg Amitryptilin oder 200 mg Cannabisextrakt mit THC und CBD. Der Extrakt wurde aus der Cannabissorte Bedrocan mit 19 % THC und der Sorte Bedrolite mit 9 % CBD hergestellt.

48 Patienten mit Cluster-Kopfschmerzen erhielten täglich entweder die gleiche Dosis Cannabisextrakt oder 480 mg Verapamil. Bei akuten Schmerzen erhielten die Teilnehmer zusätzlich 200 mg des Extraktes bei beiden Kopfschmerzformen.

Während der Cannabisextrakt und Amitryptilin eine ähnliche Reduzierung der Anfälle erreichten, nahm die Stärke und Zahl der Clusterkopfschmerz-Anfälle nur geringfügig ab. Bei der Behandlung akuter Schmerzen reduzierte Cannabis die Schmerzintensität bei Migräne-Patienten um 43,5 %. Das gleiche Ergebnis wurde bei Patienten mit Cluster-Kopfschmerzen erzielt, aber nur bei denen, die unter Migräne in der Kindheit litten (Quelle: cannabis-med.org).

 

Wir haben uns mit Rainer, einem Clusterkopfschmerz-Patienten, zum Interview getroffen.

Rainer ist 66 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Franken. Er leidet seit vielen Jahren an Clusterkopfschmerzen, chronischem Tinnitus und Asthma. Wie und warum er sich mit Cannabis therapiert könnt ihr hier lesen:

 

grow! Hallo, Rainer, wie du uns schon mitteiltest, leidest du an verschiedenen Beschwerden wie zum Beispiel Clusterkopfschmerz und Tinnitus.

 

Rainer: Ja richtig. Hinzu kommt noch mein Asthma. Mein größtes Problem ist aber dieser Clusterkopfschmerz, der so stark sein kann, dass ich verrückt vor Schmerzen werde.

 

grow! Seit wann leidest du schon an Clusterkopfschmerzen?

 

Rainer: Das sind mittlerweile 21 Jahre, der Schmerz fing so mit 45 Jahren an. Ich bin damals auf der Suche nach Arbeit ins Ruhrgebiet gezogen und habe einen gut bezahlten Job in der Stahlindustrie bei Krefeld gefunden. Es war Knochenarbeit, aber im selben Moment auch schön. Wir mussten in drei Schichten arbeiten, was uns aber auch gut bezahlt wurde. Es war eine bunte Mischung an Kollegen aus ganz Europa. Außer dem extremen Lautstärkepegel im Werk war das ein schönes Arbeitsklima. Im Nachhinein würde ich diese Arbeit aber nicht wieder machen. Die Gesundheit ist unbezahlbar, nur leider kommt diese Weisheit erst im höheren Alter, wenn die Gesundheit schon angekratzt ist.

 

grow! War die starke Geräuschkulisse der Auslöser deiner Clusterkopfschmerzen?

 

Rainer: Das war anfangs meine Vermutung. Wie ich aber heute weiß, ist die wahrscheinliche Ursache in den vielen Jahren Schichtarbeit begründet. Das hat wohl meine innere Uhr durcheinandergebracht und ist vermutlich, laut Arzt, der Grund für den Cluster-Kopfschmerz. Er sagt, dass die Clusterkopfschmerzen mit der Zeit wieder vollkommen verschwinden können. Hundertprozentig ist das aber nicht.

 

grow! Wie können wir uns diesen Schmerz vorstellen und was macht das mit dir?

 

Rainer: Die Schmerzen sind unvorstellbar stark und immer am rechten Auge und Stirnseite. Es ist ein stechender und brennender Schmerz, schwer zu beschreiben. Unvorstellbar schmerzhaft, man hat keinen klaren Gedanken mehr. Es soll nur noch aufhören. Im Schnitt halten die Anfälle bei mir zwischen 30 Minuten und zwei Stunden an. Meist fangen sie morgens kurz nach dem Aufstehen an. Wenn der Schmerz dann langsam abklingt, nehme ich den Tinnitus verstärkt wahr.

 

grow! Hast du ein Notfallmedikament?

 

Rainer: Ich habe „Imigran Nasal“ für den Notfall. Gängige Schmerzmittel wie Ibuprofen, Aspirin und Paracetamol helfen nur bedingt, und sie benötigen mehr Zeit, um ihre Wirkung zu entfalten. Es ist aber mit Cannabis viel besser geworden.

 

grow! Hattest du schon zuvor Erfahrungen mit Cannabis, sodass du dich für eine Cannabis-Therapie entschieden hast?

 

Rainer: Ja, ich bin in den 60ern groß geworden und habe zu der Zeit auch Haschisch geraucht. Das war aber nur eine kurze Phase der Selbstfindung. Mir bekam es aber ganz gut und daran habe ich mich erinnert, nachdem ich einen Artikel über Migräne und Cannabis gelesen habe.

 

grow! Welche Sorte bekommst du von deinem Arzt verschrieben?

 

Rainer: (schmunzelt) Mein Arzt weiß nichts davon. Ich bin viele Jahre wegen jeglicher Beschwerden zu meinem Hausarzt gegangen und kam nie ohne ein Rezept aus der Praxis. Es wurden immer mehr Medikamente, die ich einnahm. Ich nahm sie, weil ich auf eine Verbesserung hoffte. Im Moment komme ich mit meinem Leiden besser zurecht.

 

grow! Dürfen wir fragen, woher du dein Cannabis beziehst?

 

Rainer: Ich pflanze es mir selbst in dem kleinen Garten hinter meinem Haus an. Wo soll ich das auch sonst herbekommen? Ich kenne niemanden, der mit Cannabis zu tun hat, und in den Niederlanden kaufen und nach Deutschland schmuggeln, was meine erste Idee war, kann ich nicht. Man würde mir das sofort ansehen, dass mit mir etwas nicht stimmt. Das Gefühl habe ich zumindest.

 

grow! Woher hast du die Samen?

 

Rainer: Durch einen glücklichen Zufall. Vor fünf Jahren haben meine Frau und ich in Spanien Urlaub gemacht und sind zufällig an einem Geschäft vorbeigekommen, das Samen verkaufte. Von außen konnte man die verschiedensten Pfeifen, Blättchen und andere Dinge sehen. Ein großes Hanfblatt zierte die Eingangstür. Ich dachte mir, geh mal rein und frag mal, ob die auch etwas Haschisch verkaufen. Ich wurde sehr ernst darauf hingewiesen, dass das verboten sei. Ich entschuldigte mich und wollte gerade gehen, da sagte der Verkäufer, dass sie Samen verkaufen. Ich bekam große Ohren und ließ mir erklären, wie ich vorzugehen habe. Der nette Verkäufer lachte und fragte, ob ich schon mal Tomaten angepflanzt hätte. Das tat ich natürlich jedes Jahr. Ich liebe es, Gemüse und Kräuter selbst anzupflanzen. Er versicherte mir, dass der Hanf nichts anderes brauche wie Tomaten auch. Nur auf den richtigen Erntezeitpunkt sollte ich achten. Er gab mir ein Heft auf Spanisch, was ich nicht verstehe, mit Fotos von Cannabisblüten, sowohl von unreifen wie auch von reifen Blüten. Ehrlich gesagt, habe ich keinen Unterschied gemerkt. Dann gab er mir den Tipp, wenn die Blätter alle gelb werden, kann ich ernten. Das tue ich auch.

 

grow! Ist es da nicht besser, sich schlau zu machen?

 

Rainer: Dafür interessiert mich das Thema zu wenig. Mir reicht das so, ich muss nicht perfekt sein. Wirken tut es gut, also bin ich zufrieden.

 

grow! Welche Sorte hast du gekauft?

 

Rainer: Oh, das weiß ich nicht. Das sind kleine Pflanzen, die schnell geerntet werden können, mehr kann ich euch nicht sagen. Ich kenne mich mit den Unterschieden nicht aus. Das war auch schon ein Problem in Spanien. Der junge Mann zählte mir unzählige Namen von verschiedenen Sorten auf, letztendlich gab er mir welche, die angeblich schneller erntereif und leicht zu kultivieren sind und nicht so groß werden.

 

grow! Hört sich nach Autoflowering-Pflanzen an. Wie nimmst du das Cannabis zu dir?

 

Rainer: Ich habe verschiedene Methoden ausprobiert, wie zum Beispiel in Plätzchen, im Tee, in Öl, ich habe eine Tinktur gemacht und auch versucht, es zu rauchen. Das letztere war am unangenehmsten, da ich Nichtraucher bin, war es schwer zu inhalieren. Ich musste ständig husten und bekam Atemnot, mein Hals tat Stunden später noch weh. Früher, lang lang ist es her, da konnte ich problemlos Haschisch mit Tabak gemischt rauchen, ohne Probleme. Ich habe mich letztendlich für die Tinktur entschieden.

 

grow! Welche Menge Cannabis benötigst du im Durchschnitt?

 

Rainer: Das ist wieder eine Frage, die schwierig zu beantworten ist. Drei bis vier Pflanzen im Jahr (lacht herzlich). Es sind ungefähr 120 bis 150 Gramm im Jahr, die ich zu einer Tinktur verarbeite. Ich nehme dreimal täglich 8 Tropfen, bei Bedarf auch mal ein paar Tropfen mehr. Wie stark die sind, weiß ich leider nicht. Aber es interessiert mich auch nicht so wirklich.

 

grow! Wie stellst du deine Tinktur her?

 

Rainer: Bisher habe ich immer hundert Gramm Cannabiskraut in einem Liter Wodka für zwei Wochen eingelegt und anschließend mit Hilfe eines Siebes und Kaffeefilter das Kraut herausgefiltert. Danach stelle ich die Tinktur für ungefähr eine Stunde in ein heißes Wasserbad, bis ungefähr 700 Milliliter Tinktur übrig bleiben, das reduziert den Alkoholanteil in der Tinktur und brennt weniger auf der Zunge. Heute habe ich mir eine kleine Flasche CBD-Öl gekauft und möchte jetzt mal meine Tinktur und zusätzlich CBD-Öl ausprobieren, vielleicht wirkt es ja noch besser.

 

grow! Das wäre toll. Du sagtest Cannabiskraut. Meinst du damit nur die Blätter?

 

Rainer: Nein. Ich verwende fast die ganze Pflanze, also die Blüten und die Blätter drumherum. Die großen Blätter kommen auf den Kompost.

 

grow! Hilft es dir gegen den Clusterkopfschmerz?

 

Rainer: Ich bin nicht symptomfrei, aber die Häufigkeit und Intensität sind viel geringer als zuvor ohne Cannabis. Auch erhole ich mich schneller. Wenn ich schon starke Kopfschmerzen habe, dann wirkt auch die Tinktur nicht. Es hilft mir den Bewegungsdrang abzuschwächen, den ich bei Clusterkopfschmerzen immer habe. Aber auch von meinem kleinen Freund im Ohr (Tinnitus) lasse ich mich nicht mehr so schnell ärgern. Ich fixiere mich weniger auf das Brummen.

 

grow! Konnte die Schulmedizin nicht weiterhelfen?

 

Rainer: Leider nicht ausreichend. Was mir hilft, wenn das Brummen zu intensiv wird, ist nur ein spezieller Kopfhörer (der Tinnitracks) und etwas Musik. Für den Kopfhörer wird beim HNO-Arzt (Hals-Nasen-Ohrenarzt) vorerst die Frequenz meines Ohrgeräusches durch einen speziellen Hörtest ermittelt, ein sogenanntes Tinnitus-Matching. Dieser wird dann am Kopfhörer rausgefiltert. Eine tolle Sache, die wirklich hilft. Den verwende ich aber nur zuhause, wenn das Brummen zu nervig wird. Anfangs bin ich mal versehentlich mit dem Ding zum Bäcker und ein kleiner Junge guckte mich etwas verdutzt an. Als mir klar war, warum, spielte ich ein wenig Luftgitarre. Dem Kleinen hat es wohl gefallen, denn er lachte sich schief.

 

grow! Du hast den Humor aber nicht verloren.

 

Rainer: Nein, ich habe ihn wiedergefunden. Nachdem ich vor neun Jahren noch zusätzlich Tinnitus bekam, zog ich mich komplett zurück. Ich hatte das Gefühl durchzudrehen. Ich hörte ständig ein Brummen, mal stärker, mal weniger stark, aber es begleitete mich 24 Stunden am Tag. Ich hatte mich von meinem Umfeld zurückgezogen und verfiel in eine tiefe Depression. Das Cannabis hat mich langsam wieder zum Leben erweckt. Damit möchte ich sagen, dass ich wieder Freude am Leben haben kann.

 

grow! Würdest du sagen, dass dich der Tinnitus sozial abkapselst?

 

Rainer: Auf jeden Fall. Nachdem meine Frau vor drei Jahren an Leukämie verstorben ist, habe ich so gut wie keine sozialen Kontakte mehr. Seit Kurzem gehe ich auch schon mal schwimmen, in die Gaststätte oder spaziere durch den Wald, wenn meine Gesundheit das zulässt.

 

grow! Konnte die Einnahme von Cannabis einige Medikamente ersetzten?

 

Rainer: Ja, Antidepressiva und auch das Hypnotikum (Schlafmittel). Das „Imigran Nasal“ und das Asthmaspray nehme ich bei Bedarf weiterhin, das ist extrem wichtig bei einem Asthma Anfall. Davon habe ich immer ein paar Fläschchen für den Notfall zuhause.

 

grow! Hilft dir Cannabis nicht gegen dein Asthma?

 

Rainer: Das habe ich mir erhofft, aber nein, leider nicht. Ich müsste mir mal so einen Verdampfer kaufen und probieren, ob ich damit den Dampf inhalieren kann, vielleicht hilft das, keinen Hustenkollaps zu bekommen.

 

grow! Würdest du Patienten mit Clusterkopfschmerzen oder Tinnitus eine Cannabis-Therapie empfehlen?

 

Rainer: Auf jeden Fall. Probieren kann man es ja, wenn es nicht hilft, dann ist es halt schade. Ungesund ist es nach meinem Wissen nicht. Man sollte immer mit Kleinstmengen anfangen, wenn die Person keine Erfahrung mit Cannabis hat oder hatte. Bei mir wirkt sich Cannabis auch positiv auf meine Stimmung aus, die Lebensfreude ist zurück. Ich kann über mich selbst lachen, esse auch wieder mit mehr Appetit. Leider sind viele Patienten sehr ängstlich, was Cannabis angeht, auf jeden Fall in meiner Altersgruppe.

 

grow! Wie würdest du die Wirkung deiner Tinktur beschreiben?

 

Rainer: Also, wenn ihr damit meint, ob ich high werde, mit acht Tropfen nicht. Es wirkt sehr entspannend auf meinen Geist und Körper und lindert meine Gebrechen. Ich habe aber auch schon 15 Tropfen ausprobiert und ja, da habe ich mich schon high gefühlt. Beim Fernsehen musste ich dauernd lachen, auch über Sachen die eigentlich nicht gerade witzig waren. Ich war happy, wie man so schön sagt. Was auch mal schön ist. Schlecht habe ich mich bisher nie gefühlt.

 

grow! Das war ein sehr interessantes Interview, Rainer. Möchtest du unseren Lesern noch etwas mit auf den Weg geben?

 

Rainer: Ratschläge oder Tipps kann ich keine geben. Jede Person ist anders und wie sie mit ihren Leiden umgeht, auch. Wer schon mal daran gedacht hat, THC, CBD oder die Blüten an sich auszuprobieren, sollte das auf jeden Fall tun. Entweder es wirkt oder man ist um eine Erfahrung reicher. Ich wünsche allen Patienten und Gesunden ein friedliches Leben!

 

Tilo Clemeur

 

Dieser Artikel stammt aus der grow! Ausgabe 02-2020. Wir veröffentlichen hier aus jeder neuen Ausgabe unseres Print-Magazins vier vollständige Artikel - erst als Leseproben, acht Wochen später als vollständige Texte, gratis für alle. Falls du diese Ausgabe nachbestellen möchtest, schau doch mal in unseren Shop.

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