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Medizinisches Cannabis unaufhaltsam auf dem Vormarsch?

22.12.2020
grow! Magazin
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Medizin

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kurz BzgA, hat mal wieder eine Befragung unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen durchgeführt. Es wurden 7000 Personen im Alter von 12 bis 15 Jahren interviewt. Während die Raucherquote, hier scheinen die Maßnahmen im Kampf gegen Nikotin Früchte zu tragen, auf dem niedrigsten jemals gemessenen Stand seit den 70er Jahren steht, steigt der Cannabiskonsum bei dieser Altersklasse seit einigen Jahren wieder an. Zuvor war auch dort ein Rückgang bezüglich des Cannabiskonsums zu verzeichnen gewesen. 10,4 Prozent der 12- bis 17- Jährigen gaben an, schon einmal Cannabis probiert zu haben. 17 Prozent der 12- bis 17- Jährigen gaben an, schon einmal Nikotin probiert zu haben. Bei den 18- bis 25- Jährigen hatten 46,6 Prozent, also fast die Hälfte, schon einmal Cannabis probiert und knapp 60 Prozent schon einmal Nikotin. Erstaunlich finde ich bei dieser Studie, dass die Werte von Cannabis und Nikotin gar nicht so weit auseinanderliegen. Soviel zum sogenannten Freizeitkonsum.

Cannabis ist also nach wie vor in aller Munde. Gerade auf dem Gebiet des medizinischen Cannabis werden im Wochentakt neue Studien, Erkenntnisse und auch Anwendungsweisen veröffentlicht. Immer wieder poppen neue Firmen auf, während andere, die schon länger am Markt sind, an der Börse mit enormen Wertverlusten zu kämpfen haben.

So hat ein münchener Unternehmen gerade einen Vollextrakt entwickelt, der neben THC und CBD spezielle Terpene wie Myrcen und Beta-Caryophyllen beinhaltet. Diese Terpene haben eine schlaffördernde und antidepressive Wirkung. Eine weitere klinische Phase-III-Studie soll bald gestartet werden, um die Wirksamkeit dieses Vollextrakts zu belegen.

Die Firma hat dazu nach eigenen Angaben in Dänemark eines der weltweit modernsten Gewächshäuser für medizinisches Cannabis errichtet. Warum in Dänemark und nicht in Bayern ist zweifellos eine Frage, die auf politischer Ebene in Zukunft breit diskutiert werden muss.

Das Produkt wird in diesem Fall wie so oft zur Schmerztherapie verwendet. Gerade bei chronischen Schmerzen kann und wird Cannabis heute oft als eine weitere Behandlungsoption eingesetzt. Periphere Neuropathien gehören zu den klassischen, schwer zu behandelnden Schmerzerkrankungen, die hier in den Fokus der Ärzte gerückt sind.

Sehr viel weiter ist bezüglich Studien ein bekanntes Oromukosalspray, bei dem der Wirkstoff über die Mundschleimhaut resorbiert wird. Dabei muss der Sprühstoß abwechselnd in die linke und dann in die rechte Wangentasche oder unter die Zunge gegeben werden. Zwischen den Sprühstößen sollte eine Pause von ca. 15 Minuten eingehalten werden, um die Wirkung zu optimieren und eine lokale Reizung der Mundschleimhaut zu vermeiden.

Besagtes Fertigarzneimittel kann mittlerweile auf über 120 000 Patientenjahre zurückblicken. Es ist schon seit 2011 auf dem Markt – eingeführt zur Add-on-Behandlung der Spastik bei Multipler Sklerose zugelassen.

Bei Cannabisblüten ist eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung oder eine stabile Wirkstoffkonzentration nicht so klar gegeben wie bei einem solchen Fertigarzneimittel. So existieren in diesem Fall umfangreiche Sicherheitsdaten, u.a. aus einer randomisierten, Placebo-kontrollierten, doppelblinden Studie, bei der 191 Patienten mit mittelschwerer bis schwerer MS-Spastik eingeschlossen waren.

Als Vorteil des Medikaments wird gewertet, dass die psychostimulierende Wirkung von THC durch das CBD antagonisiert wird, so dass es nur selten zu stimulierenden Effekten wie bei reinen THC-Produkten kommt. Auf der anderen Seite kann CBD andere Effekte von THC noch verstärken. THC wird für gewöhnlich psychoaktive, analgetische, antiemetische, muskelrelaxierende und appetitanregende Wirkung zugesprochen. CBD wirkt dagegen antipsychotisch, analgetisch, antikonvulsiv, neuroprotektiv und angstlösend.

Die Vorteile der Kombination beider Wirkstoffe führt dazu, dass mittlerweile auch Firmen, die sich ursprünglich auf Cannabisblüten spezialisiert hatten, Mischprodukte auf den Markt bringen. So ist im September 2020 eine ölige Lösung mit einem THC-CBD-Verhältnis von 5 zu 20 mg/ml auf dem Markt erschienen. Hier ist der Anteil des CBD sogar viermal so stark wie der von THC.

Nichtsdestotrotz wird die Anwendung von reinen Cannabisblüten vor allem bei chronischen Schmerzpatienten, hier vor allem mit Rückenbeschwerden, aber auch in der Palliativmedizin, weiter forciert. Die Therapie ist dabei jedoch hochindividuell, und Patient und Arzt sollten sich in der Regel gemeinsam an die Behandlung herantasten. Vorteil der Cannabisblüten bei einer kombinierten Schmerztherapie, bei der auch Novaminsulfon-Tropfen eingesetzt werden können, besteht darin, dass bei akuten Beschwerden ein schneller Wirkungseintritt zu verzeichnen ist.

Mit dem zunehmenden Einsatz von Cannabinoiden, gerade in der Schmerztherapie, werden allerdings auch mahnende Stimmen laut. Die Cannabispflanze beinhaltet immerhin etwa 100 Stoffe, deren Wirkungsweisen noch nicht alle geklärt sind.

Das Verhältnis von THC zu CBD spielt eine enorme Rolle. Reine Produkte haben eine andere Wirkung als Vollspektrum-Extrakte. Die Art der Einnahme spielt ebenfalls eine Rolle. Synthetische Produkte haben eine andere Wirkung als pflanzliche.

Da Cannabinoide zu 70 Prozent als Schmerzmedikamente eingesetzt werden, ist der Wissensstand auf diesem Gebiet mittlerweile am größten. Die Schmerztherapeuten vertreten zurzeit die Auffassung, dass Cannabinoide nur angewandt werden sollen, wenn herkömmliche Schmerzmittel nicht erfolgreich waren. Es soll als Zusatztherapie angewandt werden. Gerade die entspannenden und appetitanregenden Effekte sind von vielen Patienten erwünscht. Müdigkeit ist bei manchen Patienten eine störende Nebenwirkung. Zu all diesen Fragen ist gerade eine aktuelle Praxisleitlinie erschienen.

Es bleibt also wie immer spannend in der Welt des Cannabis. Mit großer Spannung warten wir auf das Jahr 2022, wenn dann der Einsatz von Medizinalhanf abschließend bezüglich der Rezeptverordnung bewertet werden soll.

- Dr. med. Michael Arndt -

 

Dieser Artikel stammt aus der grow! Ausgabe 06-2020. Wir veröffentlichen hier aus jeder neuen Ausgabe unseres Print-Magazins vier vollständige Artikel - erst als Leseproben, acht Wochen später als vollständige Texte, gratis für alle. Falls du diese Ausgabe nachbestellen möchtest, schau doch mal in unseren Shop.

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