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Interview: Krebsforscher Guillermo Velasco

02.01.2018
grow! Magazin
(Kommentare: 0)
international

Marijuana ist überhaupt nichts Schlimmes“

Wir werden mindestens noch fünf bis sechs Jahre warten müssen, bis THC als Heilmittel beim Glioblastom-Hirntumor nach klinischen Studien genehmigt wird“, sagt der spanische Universitätsprofessor, Molekularbiologe und Krebsforscher Guillermo Velasco Díez. Gemeinsam mit Dr. Manuel Guzman an der Madrider Complutense Universität konnte das Team in Versuchen an Mäusen nachweisen, dass das psychoaktive Cannabinoid Tumorzellen zum Selbsttod zwingt und deren Wachstum sowie die Metastasierung hemmt: „Es muss aber nicht sein, dass das was bei Mäusen wirkt, zwangsläufig auch beim Menschen wirkt“, mahnt er zur Vorsicht vor voreiliger Euphorie. Patienten rät er, keinesfalls die Chemotherapie abzubrechen, um alternative Methoden zu testen. Gegen eine Kombination mit THC unter ärztlicher Begleitung spreche jedoch nichts. 

grow! Was hat Ihr wissenschaftliches Interesse an Cannabinoiden geweckt?

Guillermo Velasco Díez: Zum einen war es natürlich, dass ich bereits in einem Labor arbeitete, wo seit geraumer Zeit an Cannabinoiden geforscht wurde (Anm. Velasco hatte bei Dr. Manuel Guzman dissertiert und forscht mit ihm im Team - siehe auch grow! Ausgabe 1-2018). Konkret an den Wirkungsmechanismen von Cannabinoiden. Und das hat mich sehr interessiert. Weil es ein System ist, das weniger untersucht war, als andere. Als ich dann erkannte, dass diese einen therapeutischen Nutzen haben können, wie im Falle von Krebs, fokussierte ich meine Forschung darauf. Und unser Arbeitsmodell zugleich auch, das wir stets daraufhin verstärkten, und wo wir mit voller Energie forschen.

grow! Konzentrieren Sie sich in Ihrer Arbeit primär auf die bekanntesten der Cannabinoide, eben THC und CBD, oder haben Sie auch andere der knapp hundert Moleküle dieses Typs im Visier?

Guillermo Velasco Díez: Ehrlich gesagt, forschen wir in allererster Linie an THC und auch an CBD. Primär ist es das THC, das Delta-9-Tetrahydrocannabinol, das uns interessiert. Und wie dieser Stoff sich auf Krebszellen, und deren Wachstum auswirkt. Mit CBD (Anm. Cannabidiol) haben wir einige Studien betrieben, wenngleich hier der Mechanismus nicht so ganz klar ist wie beim THC, dessen Wirkung über die Rezeptoren CB-1 und CB-2 gut erforscht ist. Auch dank Studien zu rekreativem Konsum, aber auch etwa zu Schmerz, neurodegenerativen Erkrankungen und anderen Pathologien. Wir sehen, dass auch CBD in der Krebsbehandlung seine Bedeutung haben kann. Zudem haben wir natürlich auch die Kombination der Stoffe THC und CBD in dieser Materie untersucht. An den anderen Cannabinoiden der Pflanze haben wir nur sehr wenig geforscht. Aber da sind wir nicht alleine, ganz generell hat man bisher sehr wenig Wissen zu diesen erhoben. Hier fehlt noch ein großes Stück Forschungsarbeit. Auch um zu verstehen, was bei der therapeutischen Einnahme von Cannabis geschieht. Es gibt viele Hypothesen. Aber keine aussagekräftigen Studien, sei es zu den Terpenen der Cannabis-Pflanze, oder eben zum Cannabigerol (CBG). Darüber weiß man wenig. Aber man kann nicht alles hier bei uns am Institut erforschen (lacht), darum haben wir uns auf das THC, und in geringerer Weise auch auf das CBD konzentriert.

grow! Und was sind Ihre bisherigen Ergebnisse?

Guillermo Velasco Díez: Wir forschen schon sehr lange Zeit an diesen Cannabinoiden. An THC und anderen Agonisten (Anm. Wirkstoff, der körpereigen sein kann, aber pharmakologisch als Transmitter eine ähnliche Wirkung erzielt) des Stoffes auf der Rezeptoren-Ebene. Sprich, wo und wie das THC von den Zellen aufgenommen wird. Wie die Molekülketten in die Zellen gelangen, und was sie dort bewirken. Was wir nachvollziehen konnten, ist dass und wie der Stoff THC in Tumorzellen den sogenannten programmierten Zelltod bewirkt. Eine Form davon ist die Apoptose. Dabei forschten wir am Glioblastom, einem sehr aggressiven Hirntumor. Dort fanden wir, dass die Aktivierung von THC über die Rezeptoren eine Kettenreaktion in den Krebszellen auslöst. Bildlich gesprochen, ist es ein regelrechter Wasserfall an Reaktionen (siehe Fotos), der zu guter Letzt zur Autophagie führt.

 

Foto: Sonia Hernández-Tiedra/UCM
Foto: Sonia Hernández-Tiedra/UCM

Wo sich die Zelle gewissermaßen selbst verschlingt, wenn man so will. Manchmal führt dieser Prozess zum Zelltod der Krebszelle, manchmal bewirkt es aber auch einen Schutzmechanismus. Aber im überwiegenden Teil der Versuche an Mäusen, die wir machten, führt THC zum Zelltod der Krebszelle, wie wir belegen konnten. Das ist eine Facette, denn wir haben auch versucht, eine mögliche Cannabinoid-Therapie für Tumorpatienten zu optimieren. Dafür forschten wir an möglichen Widerstandsmechanismen gegenüber dem Cannabinoid, die Krebszellen aufweisen können. Denn wie wir sehen, haben die Tumorzellen Verteidigungswaffen gegen THC. Unser Anliegen war und ist es hier, Wege aufzuzeigen, um ebendiese zu schwächen, und den Effekt von THC zu steigern.

grow! Sie forschen auch an der Wirkung der Kombination von THC und gängigen pharmakologischen Chemotherapien …

Guillermo Velasco Díez: … exakt, das ist der dritte Pfeiler unserer Forschungen. Hier untersuchen wir, wie die gemeinsame Verabreichung von Anti-Tumor-Medikamenten, meist ein Cocktail mit Stoffen wie Temozolomid, durch die Unterstützung von THC in ihrer Wirkung optimiert werden kann. Temozolomid ist aktuell die Referenz bei der Behandlung von Hirntumoren. Die Ergebnisse auf allen drei Forschungsebenen sind allesamt sehr, sehr vielversprechend.

grow! Welche Mischung und welches THC- bzw. CBD-Verhältnis liefert bisher die besten Ergebnisse?

Guillermo Velasco Díez: Wir haben THC alleine getestet und die Kombination THC und CBD, die im Verhältnis 1:1 fast dieselbe Wirkung erzielt, wie THC für sich alleine. Dadurch kann man die Dosis des psychoaktiven THC senken. In Versuchen an Labormäusen haben wir ein sehr breites Spektrum von THC verabreicht. Von 7,5 Milligramm pro Kilo Lebendgewicht, bis zu 45 Milligramm pro Kilo, was eine Wahnsinnsdosis ist. Doch wir erzielten sehr gute Ergebnisse. Eine andere Frage ist, wie man diese Werte auf einen Menschen umlegt. Diese rechnet man nicht mit dem Verhältnis Milligramm pro Kilo. Es ist ein bisschen schwieriger. Diese Daten muss man in klinischen Studien bereitstellen, von denen schon einige gemacht worden sind. Aber es braucht weitere, größer ausgelegte, um den Effekt beim Menschen zu belegen. Denn es muss nicht sein, dass das, was bei Mäusen wirkt, zwangsläufig auch beim Menschen wirkt.

grow! Wann sehen Sie am Horizont eine mögliche Behandlung mit THC für Menschen, auch auf Basis Ihrer Forschungen an der Universität?

Guillermo Velasco Díez: Bis heute hat es sehr wenige klinische Studien zu Cannabinoiden gegeben, die sich der Wirkung von diesen auf Tumoren und das Krebswachstum gewidmet haben. Es gibt zahllose Studien zu CBD und THC und den therapeutischen Wert in zig anderen Pathologien. Aber auch, was THC und CBD zur Steigerung der Lebensqualität und Linderung der Beschwerden von Krebskranken leisten können, wie etwa die Reduzierung des Leidens, das Krebspatienten durch etwa chronischen Schmerzen haben. Aber zu THC als Anti-Tumorwirkstoff gab es in Spanien eine Kleinststudie vor etwa zehn Jahren, mit lediglich neun Patienten. Man setzte nur THC ein, eben bei unter einem Glioblastom Leidenden, denen der Tumor entfernt worden war, aber wieder nachgewachsen ist. Diese Mini-Sample gab Ergebnisse, die Grund zur Hoffnung gaben. Aber man kann natürlich von derart wenigen Patienten keine Schlüsse auf die Gesamtheit ziehen. Erst unlängst führte man eine weitere klinische Studie in England durch - mit dem Präparat Sativex, das THC und CBD enthält, gemeinsam mit dem Wirkstoff Temozolomid. Wieder mit Glioblastom-Patienten, denen der chirurgisch entfernte Tumor nachwächst. Die exakten Daten liegen noch nicht vor. Einzig eine Presseaussendung des Pharmakonzerns, der Sativex herstellt, GW Pharmaceuticals. Es scheint, als hätte auch diese Studie einen positiven Effekt belegen können. Etwa eine höhere Überlebensrate pro Jahr, in jener Gruppe die die Sativex-Kombination verwendete, anstatt des Placebos und Temozolomid. Das kann man als ersten Schritt sehen.

grow! Woran hapert es, dass diese Studien nicht auf Schiene gebracht werden?

Guillermo Velasco Díez: Man muss weitere Studien machen, denn auch der jüngste klinische Test war nur Phase 2, wie man es nennt, mit etwa 20 Patienten. Es ist folglich nur eine weitere Kleinstudie, die wertvolle Hinweise geben kann. Aber um wirkliche Schlussfolgerungen ziehen zu können, bedarf es Versuchen der Phase 2 mit weitaus mehr Patienten. Das braucht mehr Zeit, und auch weit mehr finanzielle Mittel. Also, wenn wir nun realistisch sind, wird es im Fall, dass alle Studien, die folgen, positive Ergebnisse liefern, noch mindestens fünf bis sechs Jahre dauern, bis auch die Medikamenten-Regulierungsbehörden einmal darauf basierend die Zulassung von THC und CBD zu erlauben. Was aber eben nur für diese konkrete Krebsform gilt, das Glioblastom.

grow! Was bedeutet dies für andere Krebsarten?

Guillermo Velasco Díez: Für jeden weiteren Tumortyp, den man mit THC behandeln will, braucht es freilich dasselbe Prozedere. Eben um zu belegen, dass THC auch bei Melanomen oder Bauchspeicheldrüsenkrebs diese Wirkung erzielt. Hinzu kommt, dass in diesen Studien eine Kombination aus Anti-Tumor-Medikamenten und THC klinisch getestet werden muss. Und eine jede Behandlungsvariante muss separat untersucht werden. Wir müssen hier noch viel mehr Geduld haben müssen.

grow! Warum haben Sie sich auf das Glioblastom konzentriert?

Guillermo Velasco Díez: Dieser Hirntumor ist ein außerordentlich aggressiver, für den es nicht wirklich eine Behandlung gibt. Das, was man aktuell gegen den Krebs unternimmt, erhöht nicht wirklich die Lebenserwartung, maximal um einige Wochen oder gar Monate, bestenfalls ein Jahr. Unsere ersten Studien mit Cannabinoiden haben wir an abgeleiteten Krebszellen dieses Typs im Labor unternommen. Das erste Modell entstand hier. Darin fußt unsere Motivation. Es ist auch einfacher, über Tumorarten in diesem Feld zu forschen, für die es keine etablierte Behandlungsmethode gibt, als andere Formen von Krebs, wo solche existieren. Weil eine Alternative wie mit THC von der Fachwelt leichter angenommen wird, da es ohnehin bisher nichts gibt. Das Glioblastom ist dafür prädestiniert. Und auch unsere vorklinischen Studien weisen uns in eine vielversprechende Richtung. Was sich auch in der Finanzierung der Forschung zeigt.

grow! Haben Sie an Ihrem Institut auch andere Krebsarten und die Effekte einer Behandlung mit THC untersucht?

Guillermo Velasco Díez: Auf vorklinischen Studienniveau haben wir mit Pankreas- und Leberkrebszellen gearbeitet. Ein anderes Team an unserem Institut widmet sich Brustkrebszellen und Cannabinoiden und auch dem Melanom. Wir haben hier durchaus gute Ergebnisse in allen Bereichen. Doch unser Hauptanliegen ist die Glioblastom-Forschung, wo wir eben auch mit der Non-Profit-Organisation „Medical Bike Tour“ versuchen, die Mittel für eine große klinische Studie über Spenden zu bekommen. Gemeinsam mit dem Onkologischen Institut (CNIO) in Madrid und weiteren Partnern. Dieser soll komplementär zur anderen, bereits erwähnten Studie verlaufen, aber in erster Linie mit Patienten, denen man eben erst ein Glioblastom diagnostiziert hat. Potenzial existiert für THC und die Forschung auch bei anderen sehr resistenten Krebsarten wie bei einigen Formen von Brustkrebs, Leber- und Pankreaskrebs und bestimmten, aggressiven Melanomen.

grow! Dafür fehlt es nicht an Know How, sondern an Kapazitäten …

Guillermo Velasco Díez: … dafür muss jemand die Initiative ergreifen und mit den Daten der vorklinischen Studien auch auf die Produzenten der gängigen Krebsmedikamente zugehen, auf dass diese in ihrer Wirkung mit THC in klinischen Versuchen getestet werden. Am aktuell noch wahrscheinlichsten erscheint mir hier die THC-Forschung an Brustkrebs. Denn hier hat die Gruppe an unserem Institut THC in Kombination mit gängigen Medikamenten getestet, und ich denke, die bisherigen Ergebnisse sind gut. Das braucht aber Mittel und Ärzte sowie vor allem die Pharma-Unternehmen, die sich in die Forschung finanziell einklinken müssen. Wir sind Grundlagenforscher und können Ergebnisse liefern. Wir betreiben aber keine klinischen Studien. Wir sind, wenn man so will, wie ‚Katalysatoren‘, wir liefern gefilterte, valide Daten, die für die weitere Forschung am Menschen als Basis und Anreiz dienen.

grow! Gab es Widerstände, die Sie in Ihrer Forschung mit THC überwinden mussten? Wie war das Feedback der Forscherkollegen?

Guillermo Velasco Díez: Ganz ehrlich, ich glaube nicht, zusätzliche Widerstände wegen der Forschung an einem Cannabis-Wirkstoff wahrgenommen zu haben. Wir wurden jetzt nicht kritisch beäugt, weil wir mit THC forschen. In der Welt der Wissenschaft ist man pragmatischer. Es dreht sich um die Ergebnisse, die man vorweisen kann. Unsere werden hier generell als hochinteressant unter Kollegen und darüberhinaus eingestuft. Auch zusätzliche Mauern gab es keine. Wir bekamen Forschungsförderung und unsere wissenschaftlichen Artikel fanden Eingang in die wichtigen Fachjournale. Das Problem liegt meiner Meinung nach in der gesellschaftlichen Akzeptanz von Cannabis und darin, ob dessen Inhaltsstoffe als Medizin verwendet werden dürfen und können. Denn selbst die Regulierungsbehörden sind hier aus unserer Sicht längst offener und weitsichtiger. Solange man die Garantien bieten kann, die Studien auf klinischer Ebene benötigen. Zumindest hier in Spanien werden wir gleich wie alle anderen Forschungsfelder behandelt.

grow! Ist das Endocannabinoidsystem, das System der körpereigenen Cannabinoide, auch Teil Ihrer Forschungen

Guillermo Velasco Díez: Es gibt hier einen gänzlich neuen Ansatz in der pharmakologischen Forschung und sehr viele Hypothesen, wo es darum geht, die körpereigenen Cannabinoide mittels sogenannter Hemmer (Inhibitoren) zu regulieren, ohne Einnahme von pflanzlichen oder synthetischen Cannabinoiden. Dabei spielt man mit der Konzentration jener Stoffe, die Funktionen haben können. Wir haben nie mit Inhibitoren auf dieser Ebene gearbeitet. Denn wir sehen sehr klar, dass wir mit THC die Effekte erzielen, die wir suchen, wofür es keiner solchen Hemmstoffe bedarf. In der Krebsforschung ist die krebshemmende Wirkung von THC geklärt. Die Rezeptoren der Zellen reagieren auf das THC. Das Endocannabinoidsystem ist aber definitiv ein Forschungsfeld, das von großem Interesse und vielversprechend ist. Es hat aktuell jedoch einen Dämpfer zu verdauen, da es zuletzt vor ein bis zwei Jahren im Rahmen einer Studie in Frankreich einen Todesfall mit einem Probanden gegeben hatte, der einen Hemmer des Endocannabinoidsystems eingenommen hatte.

grow! Wie sehen Sie die Fülle an Internet-Posts zu Cannabis und Krebs, die falsche Hoffnungen wecken könnten, gerade bei Patienten, die die Hoffnung verloren haben?

Guillermo Velasco Díez: Im Internet verbreitet sich alles wie ein Lauffeuer. Aber es ist ein komplexes Thema. Denn es gibt anekdotische Fälle, wo Patienten mittels Cannabis angeblich geheilt worden sind. Aus wissenschaftlicher Sicht oder aus ärztlicher Sicht hat das keinen weiteren Wert. Davon kann man nicht auf andere Patienten schließen. Denn eine Heilung hängt von vielen Faktoren ab. Das mögen andere Medikamente sein, Ernährung, die Charakteristika des Tumors, nebst vielen anderen. Das weiß man nicht. Aber ich bin auch kein Arzt. Ich kann nur immer und immer wieder sagen, dass wir sehr gute Ergebnisse auf vorklinischem Level haben. Man muss sich aber auch in die Patienten hineinversetzen. In jene, denen Ärzte den nahen Tod in Aussicht stellen, für die es keine Behandlung gibt. Sie klammern sich an alles, was helfen könnte. Sicher ist, Marijuana ist überhaupt nichts Schlimmes. Wenn man Cannabinoide oder Cannabis-Extrakte zu sich nimmt, hat es keine schädliche Wirkung. Leider gibt es auch eine Art Mafia, die allen weismacht, es heilt, es heilt sicher. Und die sich auf Kosten der meist terminalen Patienten auch noch massiv bereichert. Wenn ein Krebspatient Cannabis konsumiert, sollte dies ein informierter Konsum sein. Bestenfalls unter medizinischer Aufsicht mit einem Arzt, der ihn berät und auch darüber aufklärt, dass es eine Behandlungsform ist, die klinisch nicht belegt ist. Ich bin mir zwar sicher, dass THC diese antitumorale Wirkung hat, sonst würde ich nicht hier daran forschen. Aber, dass ich davon überzeugt bin, und dass es in Mäusen funktioniert, heißt nicht, dass es bei allen Patienten dieselbe Wirkung zeigt. Man muss hier vorsichtig sein.

grow! Würden Sie, im Falle einer hoffentlich niemals eintretenden Krebserkrankung, selbst Cannabis konsumieren?

Guillermo Velasco Díez: Wenn ich mich in diese Patienten hineinversetze, ganz empathisch, denke ich, ich würde auch Cannabis konsumieren. Dann hätte ich ja zumindest nichts zu verlieren. Ich suche auch nicht, jene Menschen anzuschuldigen, nur weil sie nach alternativen Methoden der Behandlung Ausschau halten. Doch eine solche sollte weitestmöglich reguliert sein. Mit medizinischer Hilfe. Möglich, dass es funktioniert. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein. Ich rate allen, die mich hierzu fragen, zu Folgendem: Auf keinen Fall sollten Sie mit der regulären Behandlung, wie es die Chemotherapie ist, aufhören und nur Cannabis konsumieren, sondern beides kombinieren. Im besten Fall sind die Ergebnisse besser, andernfalls hat man zumindest keinen zusätzlichen Schaden daraus gezogen. Ärzte müssen analysieren, ob es Sinn hat, und was auch wichtig ist: Sie können die Dosis bestimmen, die an THC-Extrakt, CBD oder pflanzlichem Cannabis benötigt wird. Aber auf keinen Fall sollte man eine Behandlung aufgeben, die bereits ihre Wirksamkeit belegt hat, für eine, deren klinisch bewiesene Wirkung noch aussteht.

 

Jan Marot

 

 

Kurzbiografie: Guillermo Velasco

Der spanische Universitätsprofessor, Molekularbiologe und Krebsforscher Guillermo Velasco Díez (*1970 in Madrid) gilt als eine Referenz in der Forschung zu Cannabinoiden, allen voran zu THC und dessen krebshemmender und Krebszellen tötender Wirkung auf Tumorzellen – wie dem besonders aggressiven Hirntumor Glioblastom. Velasco studierte Biologie und verfasste seine Dissertation unter seinem renommierten Doktorvater Dr. Manuel Guzman Pastor. Nach einem Auslandsforschungs-Post-Doc in Dundee (Schottland) kehrte er 1999 nach Madrid zurück, wo er seit 2001 gemeinsam mit Guzman in der Forschungsgruppe Cannabinoide an der Universität Complutense von Madrid (UCM) tätig ist. Ziel ist es, mittels Grundlagenforschung den Weg für eine großangelegte klinische Studie an Patienten über den Einsatz von THC in der Krebsbehandlung zu ebnen. Eine Studie, die dringend notwendig ist, ist Velasco überzeugt. Denn der Molekularbiologe und seine Kollegen erachten in zahlreichen Publikationen in Fachjournalen als im Tierversuch bewiesen, dass THC zum Zelltod der Tumorzelle führt (Apoptose), nämlich durch Selbstverdauung (Autophagie) sowie durch die Störung des krebszelleneigenen Stoffwechsels und die Hemmung der Blutgefäßneubildung. Was wiederum das Wachstum der malignen Tumorzellen bremst und die Ausbreitung innerhalb des Körpers (Metastasierung) verhindert. Velasco hat hierzu mehr als 80 wissenschaftliche Fachartikel in den wichtigsten Journalen publiziert. In seiner Freizeit widmet sich Velasco seinem größten Hobby, dem Reisen, fährt Fahrrad und geht Schwimmen.

 

Webtipps:

  • Medizinische Studien und Fallbeispiele finden sich auf der Website der IACM, der Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Cannabis als Medizin: www.cannabis-med.org
  • Informationen zur Medical Bike Tour finden sich hierhttps://de-de.facebook.com/medicalbiketour/

 

Dieser Artikel stammt aus der grow Ausgabe 4-2017. Wir veröffentlichen hier aus jeder neuen Ausgabe unseres Print-Magazins vier vollständige Artikel - erst als Leseproben, acht Wochen später als vollständige Texte, gratis für alle. Falls du diese Ausgabe nachbestellen möchtest, schau doch mal in unseren Shop. Alternativ findest du die Ausgabe auch als ePaper zum bequemen Lesen auf deinem Smartphone, PC oder Tablet.

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