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Interview: Die heimliche Cannabis-Therapie

09.12.2019
grow! Magazin
(Kommentare: 0)
Medizin
Die heimliche Cannabis-Therapie

Unsere Interviewpartnerin Anne (Name wurde von der Redaktion geändert) leidet aufgrund ihrer Arbeit als Erzieherin seit vielen Jahren an Depressionen, Unruhe und Schlaflosigkeit.

Laut der Studie "Strukturqualität und ErzieherInnengesundheit in Kindertageseinrichtungen (STEGE)" der Unfallkasse NRW zeigt sich, dass sich bei jedem zehnten Mitarbeiter der pädagogischen Fach- und Leitungskräfte innerhalb der letzten zwölf Monate ein psychovegetatives Erschöpfungssyndrom nachweisen lies. Als häufigste Beschwerden wurden Kreuz- und Rückenschmerzen, Nacken- und Schulterschmerzen, Grübelei, innere Unruhe sowie leichte Ermüdbarkeit, Mattigkeit und ein übermäßiges Schlafbedürfnis genannt.

Anne ist 43 Jahre alt, kommt aus Hessen und arbeitet seit ihrem 19. Lebensjahr als Erzieherin in einer Kindertagesstätte. Welche Probleme und Auswirkungen dieser Job auf ihr Wohlbefinden hat und warum sie ihre Cannabis-Therapie verheimlicht, erfahrt ihr hier im Interview.

grow! Hallo, Anne, schön, dass du gekommen bist, um mit uns zu sprechen.

Anne: Hallo, ja, warum auch nicht. Ich möchte gerne meine Erfahrungen mit Cannabis weitergeben und auch anderen vielleicht eine Alternative aufzeigen, wie es auch schon andere vor mir getan haben. Ich selbst habe vor einigen Jahren im grow!-Magazin meines Bruders das erste Mal ein Interview über die medizinische Wirkung und Erfahrung von Cannabis gelesen. Von dem Moment an hat mich Cannabis interessiert.

grow! Hattest du zuvor keine Erfahrungen mit Cannabis?

Anne: Nein, eigentlich war ich immer ein großer Gegner von Drogen. Egal welche. Außer Alkohol

(lacht). Spaß.

grow! Wie kam es dann dazu, dass du jetzt Cannabis gegen deine Leiden nimmst?

Anne: Der Grund sind Depressionen, Schlafmangel, Gereiztheit und starke innerliche Unruhe. Alles begann vor ungefähr acht Jahren, als ich Mutter wurde. Meine Tochter konnte es nicht abwarten, geboren zu werden und nach acht Monaten wollte sie raus an die frische Luft. Von dem Moment an gab es nur noch wenig Schlaf. Sie weinte viel und wurde auch sehr oft krank, was mich als alleinerziehende Mutter schnell überforderte. Nach zwei Jahren Mutterschutz bin ich wieder arbeiten gegangen. Es machte noch immer viel Spaß mit den Kindern, obwohl es gleichzeitig sehr stressige Momente gab, die mich schnell überforderten. Irgendwann hat meine Psyche das alles nicht mehr ertragen. Ich war schnell reizbar, was ich von mir so nicht kannte. Eine ständige innerliche Unruhe begleitete mich den ganzen Tag. Einige Monate später fingen die Schlafstörungen an, nach wenigen Stunden wurde ich wieder wach und konnte nicht mehr einschlafen. Mit der Zeit wurde alles nur noch schlimmer. Ich verspürte ständig den Drang, flüchten zu wollen, wovor, weiß ich bis heute nicht. Irgendwann beschloss ich, mir Hilfe bei meinem Hausarzt zu holen. Er verschrieb mir Aponal. Anfangs 50 mg abends, später wegen unzureichender Wirkung auch morgens 50 Milligramm. Nach vier Wochen habe ich sie abgesetzt aufgrund zu niedrigen Blutdrucks und starkem Juckreiz am ganzen Körper, vermehrt aber im Gesicht. Anschließend bekam ich Citalopram 10 Milligramm verschrieben, später dann 40 Milligramm. Auch hier musste ich die Einnahme abbrechen, weil ich stark an Gewicht verloren hatte. Mein Arzt wollte mir dann zum Schlafen noch Clonazepam verschreiben, die ich aber nicht genommen habe. Die Abhängigkeit ist mir bei Benzodiazepinen zu stark. Eine gute Freundin von mir bekam sie für ein Jahr. In der Zeit hat sie sich sehr verändert, wurde lustlos, lebte zurückgezogen und hatte keine Freude mehr. Sie war eine wandelnde Schlaftablette und später musste sie, um die Tabletten abzusetzen, zur Entgiftung ins Krankenhaus. Nein, danke.

Alternativ habe ich eine Mikronährstoffkombinationen mit Omega-3-Fettsäuren, Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und unter anderem auch Coenzym Q10 ausprobiert. Eine Verbesserung war nur minimal zu spüren. Ich war ein wenig resistenter gegenüber Stress, aber auch nur ein wenig.

grow! Wurdest du während dieser Zeit krankgeschrieben?

Anne: Ja, sehr oft, sogar für einige Wochen.

grow! Du sagtest vorhin, dass du jetzt Cannabis verwendest. Werden die Kosten von der Krankenkasse übernommen?

Anne: Nein, das möchte ich auch nicht.

grow! Warum?

Anne: Meine Sorge ist, dass, wenn die Krankenkasse die Kosten übernehmen soll, sie dann zu sehr herumschnüffeln und sehen, dass ich Erzieherin bin. Die Angst, dass mein Arbeitgeber davon Wind bekommt und ich dann meinen Arbeitsplatz verliere, ist groß. Mit einem „Kifferstempel“ bekomme ich dann bestimmt keinen Job mehr. Hinzu kommt, dass ich in einer katholischen Kita arbeite und die sind noch konservativer als zum Beispiel städtische Einrichtungen.

grow! Woher bekommst du dann dein Cannabis?

Anne: Aus der Apotheke. Ich bekomme einmal im Monat ein Privatrezept von meinem Hausarzt für zehn Gramm. Das reicht mir dann für den ganzen Monat.

grow! Welche Sorte bekommst du und was bezahlst du für zehn Gramm?

Anne: Ich habe verschiedene Sorten ausprobiert, am besten tun mir CBD-reiche Sorten wie Bediol oder Aurora 1/12 gut. Die helfen mir besser abzuschalten und gut durchzuschlafen. Das wiederum tut meiner Psyche gut und ich bin den Tag darauf auch fit und ausgeruht. Den Stress in der Kita vertrage ich dank dem Cannabis wieder gut. Ich habe wieder viel mehr Geduld, auch was meine Tochter angeht. Normalerweise ist es nicht leicht, mit ihr ruhig zu bleiben. Sie hat mit sieben Jahren die Diagnose ADHS bekommen. Ich hatte es schon vermutet und bin deshalb auch zum Arzt mit ihr. Anfangs hat sie eine Verhaltenstherapie gemacht, was ihr aber wenig gebracht hat. Anschließend wollte der Arzt ihr Methylphenidat verschreiben, aber das wollte ich nicht.

grow! Das heißt, sie nimmt jetzt keine Medikamente?

Anne: Doch, aber auch bei ihr habe ich es mit CBD versucht und es hat geklappt.

grow! Wie jetzt? Sie bekommt das auch vom Arzt verschrieben?

Anne: Nein. Ich habe den Arzt erst gar nicht gefragt, sondern es einfach ausprobiert. Auch wenn es nur CBD-Öl ist, wäre er niemals einverstanden gewesen, solange andere Möglichkeiten nicht ausgeschöpft wurden. Er hat ja mir schon eine Predigt gehalten, bevor ich das erste Rezept bekam. Anfangs war er strikt dagegen, ich war bei sechs weiteren Ärzten, aber die wollten mir auch kein Cannabis verschreiben. Zwei meinten, ich solle doch nach Holland fahren, das wäre einfacher. Frechheit! Die wollen mir Cannabis nicht verschreiben, aber schicken mich in die Illegalität? Also bin ich nochmals zu meinem Hausarzt, mit Studien, die besagten, dass Cannabis gegen Depressionen, Schlafstörungen und auch Burnout wirksam sein kann. Das hat funktioniert und er verschrieb mir auch sofort die gewünschte Dosis von zehn Gramm. Was ja im Gegensatz zu vielen anderen Patienten echt wenig ist. Seitdem habe ich keinen einzigen Krankenschein mehr eingereicht.

grow! Wieviel CBD bekommt deine Tochter von dir?

Anne: Erstmal möchte ich noch betonen, dass ich mich zuvor lange im Internet informiert habe, ob CBD bei ADHS hilft und ob es zu Nebenwirkungen führen kann. Nach langen Recherchen habe ich mich dann entschlossen, es zu wagen. Ich habe ihr die ersten Tage fünf Tropfen von einem 10-prozentigen CBD-Öl vor dem Schlafengehen gegeben, um zu sehen, wie sie es verträgt. Es gab keine negativen Begleiterscheinungen, also erhöhte ich die Dosis eine Woche später auf weitere fünf Tropfen morgens nach dem Frühstück. Wie ich erfahren habe, hemmt CBD den Appetit und das wäre nicht gut, da sie eh schon ziemlich dünn ist. Zurzeit bekommt sie seit fünf Monaten zehn Tropfen morgens und abends nochmal zehn. An Tagen, an denen sie sehr aufgedreht ist, gebe ich bei Bedarf nochmal zehn Tropfen. Insgesamt ungefähr 90 Milligramm am Tag.

grow! Das geht aber auch ins Geld, oder?

Anne: Ja, insgesamt für uns beide sind das monatlich rund 340 Euro. Auf der anderen Seite bezahle ich das gerne, wenn ich sehe, dass es der Kleinen und mir dadurch besser geht. Ich habe jetzt zwar weniger Geld, aber dafür wieder Lebensfreude. Meine Tochter kommt jetzt in der Schule viel besser mit und die Noten haben sich schlagartig verbessert. Da verzichte ich lieber auf die jährliche Urlaubsreise nach Spanien. Hier ist es ja mittlerweile genauso heiß.

grow! Das stimmt. Weiß dein Umfeld, dass du deine Tochter und dich mit Cannabis therapierst?

Anne: Nein, nur gute Freunde und meine Familie wissen das von mir. Von meiner Tochter weiß mein Bruder Bescheid. Wir haben uns diesbezüglich zusammengesetzt und recherchiert und die Pros und Kontras abgewägt. Andere hat das nicht zu interessieren. Meine Lebenserfahrung sagt mir, auch Freunde können zu Feinden werden und das Jugendamt alarmieren.

grow! Wie nimmst du das Cannabis zu dir, und wie hoch ist deine Tagesdosis?

Anne: Ich habe eine Tagesdosis von 0,3 Gramm, die ich durch einen Vaporizer inhaliere. Anfangs habe ich mir abends einen Tee aufgegossen, das war aber nicht so wirksam. Dann habe ich mir einen Vaporizer gekauft und das klappt ganz gut. Mittlerweile habe ich auch erfahren, warum der Tee nicht wirkte. Ich hätte etwas Butter oder Sahne beifügen müssen, um den Wirkstoff zu lösen. Jetzt bleibe ich aber bei dem Vapo. Morgens vor der Arbeit mache ich ein bis zwei Züge, um den Stress in der Kita besser zu kompensieren. Von der Menge her nicht erwähnenswert. Die eigentliche Dosis inhaliere ich dann abends vor dem Schlafengehen.

grow! Würdest du anderen auch raten, bei Kindern mit ADHS oder Erwachsenen mit psychischen Problemen Cannabis auszuprobieren?

Anne: Schwere Frage. Ich denke, dass ich über die positiven Erfahrungen eines Dritten berichten würde. Aber raten würde ich es nicht, da ich kein Arzt bin und nicht jeder Cannabis verträgt.

grow! Weiß deine Tochter, dass sie CBD bekommt?

Anne: Nein. Das soll sie vorläufig auch nicht wissen. Wenn sie etwas älter ist, werde ich ihr das natürlich sagen.

grow! Geht deine Tochter in dieselbe Kita, in der du arbeitest?

Anne: Ja, jetzt, wo sie zur Schule geht, kommt sie zum Mittagessen und um ihre Hausaufgaben zu machen zu mir in die Kita. Vorher habe ich das nicht gewollt. Ich hatte immer das Bedürfnis, sie vor allem schützen zu müssen. Das würde ein Kind aber in der Entwicklung ausbremsen.

grow! Arbeitest du noch gerne als Erzieherin?

Anne: Jetzt wieder. Es gab ein paar Jahre, wo ich das psychisch nicht mehr schaffte und auch nicht mehr wollte. Mittlerweile liebe ich meinen Job wieder. Er ist stressig, man hat eine große Verantwortung gegenüber vielen Kindern, aber gleichzeitig bekomme ich so viel Liebe von denen zurück. Das lädt dann meine Batterien im Nu wieder auf (Annes Augen funkeln und sie lächelt lieb).

grow! Anne, möchtest du unseren Lesern zum Schluss vielleicht noch etwas mitteilen?

Anne: Ja. Hört mehr auf euer Bauchgefühl, wir lassen uns zu sehr von Meinungen anderer beeinflussen. Wie zum Beispiel bei Arztbesuchen. Viele Ärzte rasseln die Medikamentenliste nur so rauf und runter, wirkt das nicht, dann eben das andere und so weiter. Es ist gut, sich immer eine zweite Meinung eines weiteren Arztes anzuhören. Ich wünsche euch allen Kraft und Gesundheit.

grow! Danke für deine Zeit und weiterhin alles Gute für dich und deiner Tochter.

 

Tilo Clemeur

 

Dieser Artikel stammt aus der grow! Ausgabe 05-2019. Wir veröffentlichen hier aus jeder neuen Ausgabe unseres Print-Magazins vier vollständige Artikel - erst als Leseproben, acht Wochen später als vollständige Texte, gratis für alle. Falls du diese Ausgabe nachbestellen möchtest, schau doch mal in unseren Shop.

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