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Cannabis bei autistischen Störungen

10.01.2018
grow! Magazin
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international
Cannabis bei Autismus

Immer mehr Menschen auf der ganzen Welt sehen ein: Cannabis ist Medizin. Mehr und mehr Länder schaffen gesetzliche Grundlagen, damit es legal als solche genutzt werden kann. Auch in Deutschland war es im März bekanntlich soweit: Eine gesetzliche Reform ermöglicht es Ärzten inzwischen, zur Behandlung verschiedener Leiden Cannabis auf Rezept zu verschreiben. Obwohl der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen die Wirksamkeit öffentlich anzweifelt, können unzählige Patienten diese bestätigen. Cannabis hilft nicht nur bei der Linderung von Schmerzen, sondern auch bei einer langen Liste weiterer Leiden und Erkrankungen. Obwohl es bereits seit einigen Jahren von Fachleuten diskutiert und erforscht wird, ist weniger bekannt, dass Cannabis auch bei der Behandlung von autistischen Störungen helfen könnte. Immer mehr Erfahrungsberichte legen nahe, dass Autisten mit Cannabis geholfen werden kann. 

Was ist eigentlich Autismus?

Vorab eine Portion Aufklärung. Da durch Thematisierung in der Öffentlichkeit wie in Medien oft eine Nähe des Begriffs Autismus zu Persönlichkeit und Verhalten beschreibenden Attributen wie Egozentrik, Realitätsferne und mangelnder Empathie hergestellt wird, haben viele Menschen ein falsches Bild von dieser Diagnose. Beim Stichwort „Autismus“ denken zudem viele, wenn nicht die meisten, erst einmal an das in den Medien transportierte Klischee. Doch sind Autisten mitnichten allesamt mit der Figur des „Raymond“ aus dem bekannten Film „Rain Man“ vergleichbar. Die Figur basiert übrigens auf dem im Dezember 2009 verstorbenen und weltweit bekannten Kim Peek. Der US-Amerikaner mit dem außergewöhnlichen Erinnerungsvermögen war ein sogenannter „Savant“, ein Mensch mit einer auch „Inselbegabung“ genannten Teilleistungsstärke. Dies ist allerdings nicht generell mit Autismus gleichzusetzen, tatsächlich liegt nur bei etwa der Hälfte aller Inselbegabten auch eine Autismus-Diagnose vor.

Autismus ist eine angeborene, tiefgreifende Entwicklungsstörung und hat entgegen der öffentlichen Wahrnehmung nicht viel mit einer Persönlichkeitsstörung gemein. Der Begriff leitet sich vom griechischen „autos“ (selbst) ab. Autismus in aller Kürze zu umreißen, ist deshalb nahezu unmöglich, weil das Spektrum der autistischen Störungen diverse verschiedene Diagnosen umfasst, welche sich zudem bei nahezu jedem Betroffenen individuell äußern. Allgemeine Charakteristika autistischer Störungen sind in der Regel aber Schwierigkeiten mit sozialer Interaktion, kommunikative Auffälligkeiten sowie sich wiederholende Verhaltensmuster. Es ist keine kurierbare Erkrankung, sondern vor allem eine individuelle „andere“ Art der Wahrnehmung der Umwelt. Auch diese Andersartigkeit in der Verarbeitung der wahrgenommenen Umgebung führt zu den bekannten Abweichungen im Verhalten. Manche Formen des Autismus gehen auch mit einer sprachlichen wie kognitiven Behinderung einher. Bislang gibt es trotz umfangreicher Forschung allerdings noch keine gesicherten Erkenntnisse über die Ursachen der Entstehung autistischer Störungen.

Aktuell gehen fundierte Schätzungen davon aus, dass ein Prozent der Weltbevölkerung an autistischen Störungen leidet – also weit über 70 Millionen Menschen. In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl von diagnostizierten autistischen Störungen deutlich angestiegen. In den USA ist z.B. laut Daten der dortigen Gesundheitsbehörde eines von 68 Kindern betroffen. Um die Öffentlichkeit aufzuklären, zog daher unlängst sogar eine Puppe in die bekannte „Sesamstraße“ ein, die ein autistisches Mädchen darstellt.

Autismus und das Endocannabinoid-System

Mitte der Neunziger entdeckten Forscher das endogene (körpereigene) Cannabinoidsystem, welches mittlerweile unter dem verkürzten Begriff Endocannabinoid-System (ECS) bekannt ist. Es ist ein Teil des Nervensystems, welcher unter anderem die CB1 und CB2 genannten Cannabinoidrezeptoren umfasst. Inzwischen legen die Ergebnisse weiterführender wissenschaftlicher Forschung nicht nur nahe, dass das ECS bei vielen körperlichen und geistigen Prozessen eine wichtige Rolle spielt, sondern auch, dass es eine Verbindung zu Störungen des autistischen Spektrums gibt. Forscher stellten unter anderem fest, dass die Konzentration von CB1-Rezeptoren im Gehirn in den selben Regionen besonders hoch ist, bei welchen man davon ausgeht, dass sie bei Autisten dysfunktional (gestört) sind (siehe z.B. Bauman und Kemper in „Neuroanatomic observations of the brain in autism“, 2005).

Versuchsreihen mit Mäusen zeigten eine Verbindung zwischen einem beeinträchtigten ECS und dem Auftreten von Autismus auf: In der Zusammenfassung der Ergebnisse einer 2013 veröffentlichten Untersuchung von Földy, Malenka und Südhof räumten die Forscher die Möglichkeit ein, „dass Veränderungen in der Endocannabinoid-Signalgebung zur Pathophysiologie von Autismus beitragen kann.“ Wer sich mit dem Zusammenhang zwischen dem ECS und dem aktuellen Erkenntnisstand in Sachen Autismus beschäftigt, stößt auf zahlreiche weitere Studien. Da allerdings auch das ECS und seine Funktionen längst nicht vollständig erforscht sind, ist auch der Zusammenhang zwischen diesem und autistischen Störungen alles andere als geklärt. Dass eine Verbindung besteht, legen allerdings zahlreiche Forschungsberichte definitiv nahe.

Positive Erfahrungen mit Cannabis

Neben der immer größeren Zahl an Studien und Untersuchungen finden sich auch zahlreiche Fallberichte über die positive Wirkung von Cannabis bei der Behandlung von autistischen Störungen. Da es aber noch an gesicherten Forschungsergebnissen mangelt, wird es bislang nicht verschrieben. Dennoch probieren offenbar immer mehr Eltern autistischer Kinder eine Behandlung mit Cannabis aus. Dr. Lester Grinspoon, der unter Cannabisaktivisten seit Jahrzehnten bekannte außerordentliche emeritierte Professor für Psychiatrie an der Harvard Medical School (Boston), veröffentlichte 2010 ein Plädoyer. Darin forderte er, die anekdotischen Aussagen von Eltern autistischer Kinder in Bezug auf Cannabis ernstzunehmen. In seinem Artikel führt er als Beispiel die Erfahrungen an, welche die US-amerikanische Schriftstellerin und Essayistin Marie Myung-Ok Lee machte.

Bereits 2009 machte Lee, die unter anderem durch Reportagen in bekannten Magazinen und Zeitungen (u.a. Newsweek, The New York Times) bekannt wurde, die Geschichte ihres damals 9-jährigen Sohnes bekannt. Sie machte zwar deutlich, dass sie Cannabis nicht für ein „Wundermittel zur Heilung von Autismus“ hält, beschrieb aber auch, dass es ihrem Sohn sehr gut half. Dieser hatte nicht nur eine diagnostizierte autistische Störung, sondern litt nach zwei schweren Operationen, notwendig aufgrund eines Rückenmarktumors und einer entzündlichen Darmerkrankung, auch an starken Schmerzen. Über die Wirkung von Cannabis auf ihren Sohn berichtete sie: „Jetzt hat er keine Schmerzen mehr, J. kann zur Schule gehen, anstatt in die Kinderpsychiatrie“.

Mehrere englischsprachige Medien sowie Plattformen, welche sich speziell mit dem Thema Autismus auseinandersetzen, berichteten auch über Mieko Hester-Perez. Die Mitbegründerin der Unconventional Foundation for Autism ging ebenfalls bereits 2009 an die Öffentlichkeit. Sie schilderte wie ihr damals 10-jähriger Sohn Joey, der an einer schweren Form von Autismus leidet, diverse Therapien, Diäten und über 13 verschiedene Medikamente verordnet bekam – mit lediglich begrenztem Erfolg. Die Medikamente, darunter Ritalin, Focalin und Risperdal, hatten schwerwiegende Nebenwirkungen. Joey verlor seinen Appetit und infolgedessen nahm er bedenklich ab. Nachdem ein Freund sie auf das Thema gebracht hatte, stieß Lee bei Recherchen auf einen Beitrag von Dr. Bernard Rimland. Der 2006 verstorbene Gründer des Autism Research Institute und der Autism Society of America schrieb über den Einsatz von medizinischem Cannabis bei Autismus: „Ich bin nicht für Drogen, aber ich bin sehr für Sicherheit und wirksame Behandlung, insbesondere in Fällen, bei welchen die Verhaltensweisen einer autistischen Person verheerend sind und nicht auf andere Maßnahmen ansprechen.“ Der Psychologe und Vater eines autistischen Sohnes schrieb, dass erste Erkenntnisse darauf hindeuteten, „dass medizinisches Cannabis eine wirksame Behandlung bei Autismus sein kann, welche zudem sicherer ist als die Arzneimittel, welche Doktoren routinemäßig verschreiben.“ Nach Absprache mit ihrem Kinderarzt entschloss sich die in Kalifornien lebende Hester-Perez, es zu versuchen und gab ihrem Sohn Kekse mit Cannabis. Das Ergebnis war eindeutig, sie berichtet von einer deutlichen Verbesserung der Symptome. Ihr Sohn nahm wieder zu, wurde ruhiger und war weniger reizbar. Er begann zu lachen und versuchte sogar zu sprechen, was er zuvor offenbar nie getan hatte.

Diese beiden prominenten Beispiele liegen bereits einige Jahre zurück. Inzwischen finden sich zahlreiche weitere, ähnliche Schilderungen von Eltern, die ihren autistischen Kindern medizinisches Cannabis in verschiedenen Formen gaben und damit die Symptome der jeweiligen Störung verbessern konnten. Warum Eltern nach alternativen Behandlungsformen suchen und auch Cannabis ausprobieren, erklärte Grinspoon in seinem Artikel damit, dass „Autismus ein solch verheerendes und bislang unheilbares Leiden ist und die verfügbaren pharmazeutischen Produkte eine derartig eingeschränkte Wirksamkeit sowie schwerwiegende Nebenwirkungen haben“.

So individuell die Symptome autistischer Störungen sein können, so unterschiedlich sind auch die berichteten Behandlungen mit Cannabis. Obwohl sich viele Fallberichte finden, welche von Besserungen sprechen, sind es stets verschiedene Cannabissorten, welche den Betroffenen am besten helfen. Wie Marie Myung-Ok Lee bereits betonte, ist Cannabis auch in Bezug auf Autismus kein Wundermittel. Aber die zahlreichen positiven Erfahrungsberichte von Eltern legen nahe, dass medizinisches Cannabis in manchen Fällen eine wirksame Alternative zu den üblichen Medikamenten sein kann. Die Forschung auf diesem Gebiet steckt noch in den Kinderschuhen, doch es zeigt sich bereits jetzt, dass es definitiv sinnvoll ist, wenn Wissenschaftler und Mediziner auf diesem Gebiet weiterforschen. Damit Hoffnung besteht, dass in Zukunft einmal genug gesicherte Erkenntnisse vorliegen, welche einen zielgerichteten und effektiven Einsatz von Cannabis- und Cannabinoid-Medikamenten bei autistischen Störungen ermöglichen.

Dieser Artikel stammt aus der grow Ausgabe 3-2017. Wir veröffentlichen hier aus jeder neuen Ausgabe unseres Print-Magazins vier vollständige Artikel - erst als Leseproben, acht Wochen später als vollständige Texte, gratis für alle. Falls du diese Ausgabe nachbestellen möchtest, schau doch mal in unseren Shop. Alternativ findest du die Ausgabe auch als ePaper zum bequemen Lesen auf deinem Smartphone, PC oder Tablet.

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