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Trekt Uw Plant - Joep Oomen Interview

24.10.2016
grow! Magazin
(Kommentare: 0)
international

(Anmerkung: Joep Oomen verstarb im März 2016 im Alter von 54 Jahren. Dieses Interview aus dem grow! Archiv erschien im Frühjahr 2013.)

Das Recht zu growen

Joep Oomen ist Gründungsmitglied von ENCOD, der European Coalition for Just and Effective Drug Policies, und Sprecher des ersten belgischen Cannabis Social Clubs 'Trekt Uw Plant'. Wir trafen ihn am Rande einer Legalisierungstagung in Berlin und sprachen mit ihm über Drogenpolitik, die Vorteile der Cannabis Social Clubs und den steinigen Weg zur Legalisierung.

grow! Hallo Joep! Kannst du unseren Lesern erzählen, wie du dazu gekommen bist, auf unserer Seite des 'War on Drugs' zu kämpfen und dich für die Legalisierung einzusetzen?

Joep: Ich selbst habe immer Cannabis geraucht - seit ich 13 war. Aber für mich war das nie ein Problem, ich lebte ja in den Niederlanden und konnte in Coffee Shops gehen. Aber dann habe ich in den Achtzigern Südamerika besucht und habe dort den Horror gesehen, den der War on Drugs wirklich verursacht, die Gewalt, die Menschenrechtsverletzungen und die Armut, die er in den Herstellerländern verursacht. Ich kehrte heim mit der starken Überzeugung, dass diese Probleme nicht mehr zu rechtfertigen waren mit unserer Politik. Und schrittweise verstand ich dann, dass diese Probleme zusammen hängen mit den Problemen, die der War on Drugs bei uns verursacht. Was aber weitaus schwieriger zu sehen ist, wenn man nicht gerade ein User von harten Drogen ist. Ich zog dann nach Belgien und sah viel mehr solcher Beispiele - und das führte mich zu der Überzeugung, dass der War on Drugs eine der dümmsten Ideen ist, auf die die Menschheit je hätte kommen können. Es ist ein schreckliches Verbrechen, begangen mit guten Intentionen, nämlich der öffentlichen Gesundheit. Und es ist eine Lüge, die verbergen soll, welche Dinge im Hintergrund vorgehen.

grow! Und wann kam der Punkt, an dem du die Strategie des Cannabis Social Clubs für dich entdeckt hast? Habt ihr das Konzept durchdacht und beschlossen Okay, das ergibt einfach den meisten Sinn, als Problemlösung, bei der jeder gewinnt?

Joep: So genau weiß ich das nicht mehr. Es war ein schrittweiser Prozess.

grow! Woher kam der inspirierende Funke?

Joep: Die Inspiration kam eindeutig aus Spanien, wo man seit 1995 nach diesem Konzept arbeitet. Natürlich wurden die erst von einem Richter schuldig gesprochen, dann wieder freigesprochen, es war eine lange Debatte.

grow! Hattest du Verbindungen zu diesen Spaniern? Haben die gesagt, „Wir haben eine Lösung, hier ist unsere Blaupause“?

Joep: Ja, dank ENCOD. Wir haben davon erfahren und konnten uns auch ansehen, wie die arbeiteten. Dann war die Frage nur noch, wie wir dieses Konzept auf Belgien übertragen können. Als wir uns mit der Rechtslage auseinandersetzen, kamen wir zufälligerweise an eine Ministerial-Richtlinie aus dem Jahr 2005, die uns den Weg ebnete.

grow! Könntest du unseren Lesern beschreiben, welche Bedingungen ihr geschaffen habt mit euerem Cannabis Social Club? Wie ihr arbeitet?

Joep: Die rechtliche Grundlage ist eine Richtlinie aus dem Jahr 2005, welche besagt, dass die Polizei bei einer Durchsuchung drei Gramm oder eine Pflanze tolerieren muss, so lange keine Gefährdung der Öffentlichkeit besteht. Das war unsere Ausgangsbasis zu sagen, wir bauen Plantagen, wo viele Pflanzen zusammen wachsen. Und jede Pflanze wird markiert - mit einer persönlichen Besitzurkunde eines Club-Mitglieds, samt Ausweiskopie. Also growen wir für den Eigenbedarf unserer Mitglieder, in einem geschlossenen Kreislauf. Und wir konnten zusehen, wie dies schrittweise eine Alternative zum Schwarzmarkt wurde für unsere mittlerweile 250 Mitglieder.

Das läuft nun seit drei Jahren. Wir starteten mit einem Grower, der den Mut hatte, die Sache auf sich zu nehmen und der erste zu sein. Binnen eines Jahres hatten wir drei Grower, dann sieben, dann zwölf - und heute sind es 19.

grow! Diese Grower starteten eigene Plantagen für den Club, getrennt von ihren eigenen Anlagen? Machen sie das bei sich zuhause oder  nutzt ihr sowas wie „Club-Heime“, in denen ihr growt?

Joep: Nein, wir haben nicht bloß eine Anlage, wir haben verschiedene. Wir arbeiten mit Grow-Neulingen, die erst seit einem Jahr dabei sind, und auch mit Growern, die das schon jahrelang machen. Letztere haben natürlich schon Erfahrungen damit, an den Schwarzmarkt oder an Coffee Shops zu verkaufen. Aber wir kontrollieren sie auch - wir stellen definitiv sicher, dass in den Anlangen, in denen sie anbauen, nur Pflanzen von unserem Trekt Uw Plant wachsen. Wir besuchen sie, unterhalten uns mit ihnen und sie geben uns Schätzungen, wie die Produktion ausfallen wird. Wir überwachen sowohl Quantität als auch Qualität.

grow! Der Vorteil für den Grower ist also Schutz - sie bauen an, decken ihren Eigenbedarf, genießen aber den Schutz eueres Clubs, sollte es je zu einem Verfahren kommen?

Joep: Wir sagen ihnen: Sollte die Polizei je an deine Tür klopfen, mach die Tür auf, lächele und sag herzlich willkommen, der Kaffee ist schon fertig, ich habe schon auf euch gewartet - lasst mich erklären, wie das hier funktioniert!'

Sollte die Polizei nicht zuhören wollen und alles beschlagnahmen, dann werden wir und unser Anwalt hinter der betroffenen Person stehen. Alle Mitglieder, die bereit sind, sich öffentlich zu erkennen zu geben - und das sind mehr als 50 - werden vor Gericht auftauchen und sagen „Dieser Mann ist nicht schuldig. Das sind unsere Pflanzen.“

Und wir wiederum sind nicht schuldig, weil wir diese ministeriale Richtlinie haben, die uns zusagt, dass wir diese eine Pflanze haben dürfen. Und der Anwalt wird in der Lage sein, eine sehr schöne Rede zu halten, in dem er sowas sagt wie „Sie konnten die Sache jetzt drei Jahre lang im Radio, Fernsehen und Zeitungen verfolgen. Diesen Leuten wurden versichert, dass sie total legal handeln. Wenn man glaubt, dass hier sei illegal... nun...“

grow! Wie könnte es noch legaler sein?

Joep (lacht): Ja! Man kann diesen Leuten nicht vorwerfen, dass sie wissentlich illegal gehandelt haben. Wir sind zweimal verklagt worden und haben gewonnen. Aller guten Dinge sind drei: Wenn wir drei mal vor Gericht gewinnen würden, dann haben wir das Recht für immer. Ab dem Punkt könnten wir dann denen vorwerfen, dass sie uns verfolgen würden.

Wenn ein belgischer Staatsanwalt jetzt ein Verfahren gegen Trekt Uw Plant anzetteln wollte, dann müsste er sich seines Falls schon sehr sicher sein, denn wenn er verliert und wir wieder freigesprochen werden, würde er sich zum Idiot des Landes machen.

grow! Du hast in deinem Vortrag bereits angedeutet, dass du Kontakte zu den Autoritäten pflegst, dass du dich um Transparenz bemühst. Kannst du uns davon erzählen?

Joep: Mit der Lokalpolizei, haben wir ein sehr gutes Verhältnis. Alleine schon, weil die sehen, dass ein Vorgehen gegen kleine Grower und Konsumenten eine Menge Geld und Zeit kostet, mit der die lieber echte Kriminelle verfolgen würden. Da gibt es auf jeden Fall Sympathien.

Als wir das zweite Mal verhaftet wurden, sahen wir dann auch, dass der Befehl dazu nicht von der Polizei kam ...

grow! Sondern?

Joep: Er kam vom Innenministerium in Brüssel. Mehrere Quellen haben uns bestätigt, dass das eine Aktion war, die vom Ministerium angezettelt wurde. Eine dumme Aktion - denn wir konnten beweisen, dass wir unschuldig sind. Und sie verloren erneut.

grow! Die machten sich zum Narren.

Joep: Sie waren ZU scharf darauf, uns zu verbieten - und machten sich dann zum Narren, denn die Richter sagten am Ende, nein, auf so eine Grundlage kann man kein Gerichtsverfahren stellen.

grow! Erhälst du Signale von belgischen Politikern, die sich auf euere Seite stellen oder euch als Musterbeispiele betrachten? Besteht die Chance, das, was ihr erreicht habt, in Gesetzesform zu bringen?

Joep: Die Grünen sagten, dass sie unser Konzept mögen, und dass unser Modell eine Möglichkeit wäre für eine Legalisierung, sollte es je dazu kommen. Aber alle anderen sagen, dass sie nicht bereit sind für die Legalisierung, aber dass uns nichts passieren wird, so lange wir keine Gesetze brechen. Und ja, manche Politiker fordern, dass man uns verklagt. Der Oberbürgermeister von Antwerpen etwa, der auch Präsident der flämisch-nationalistischen Partei ist, hat seine Wahlen im letzten Jahr mit Antidrogen-Slogans gewonnen, dass man die Stadt säubern müsse. Vor zwei Wochen gab sein Sprecher einem Journalisten ein Interview - und darin hieß es, solange wir gegen kein Gesetz verstößen, würde man nicht gegen uns vorgehen. Aber das ist nicht das selbe wie eine Absegnung.

grow! Das wird also der letzte Punkt eurer Strategie - Politiker ins Boot holen?

Joep: Das ist unsere Position. Der Verein bezahlt seine Leute, aber wenn etwas schief geht, weiß ich nicht, was passieren wird. Und wir haben das Problem gerade bei „Panagh“ in Spanien, wo auch einer der erfolgreichsten Clubs des Landes von der Polizei durchsucht wurde und sie alles verloren haben, manche auch ihren Job und ihre Sozialhilfe. Man ist sich nie sicher ... bis man nicht ein klares Gesetz hat. Aber es ist ein Auf und Ab. Jeder Tag, an dem es funktioniert, macht einen etwas sicherer, was die Sache angeht - und umso länger wird die Rede des Anwalts werden, der uns verteidigen wird.

grow! Was mich interessieren würde: Euer Gesetz erlaubt euch eine Pflanze pro Person. Treten Leute auch bei, die selbst überhaupt kein Marijuana rauchen und nur ihre eine Pflanze jemandem anderen spenden wollen? Einem Kranken - oder womöglich auch einem Verwandten, der krank ist?

Joep: Ja, das gibt es. Wir erlauben dies seit kurzem, dass man seine Pflanze einem anderen Mitglied spendet, aber dieses Mitglied muss wirklich krank sein, und wir benötigen einen Nachweis darüber. Denn wir wollen nicht mehr Pflanzen für den Verein bekommen, als wir tatsächlich brauchen, um den Bedarf unserer Leute zu decken.

grow! Aber es könnte euere Unterstützerbasis erweitern.

Joep: Nun, Leute können Mitglied werden, auch ohne eine Pflanze zu reservieren. Wenn jemand eine Pflanze beansprucht, aber nie vorbeikommt, dann geht der Ertrag an andere Leute. Man kann auch nicht eine Pflanze abholen und sie an jemand anderen weitergeben. Wir sagen, dass das Teilen kollektiv sein sollte. Wenn jemand seine Pflanze holt und sie mit anderen Außenstehenden teilt, naja, dann weicht er von unserem Ziel ab.

Aber was du meintest, war ja, ob man Pflanzen beisteuern kann, die nur an andere Mitglieder gehen, und ja, das geht natürlich. Wir zwingen niemanden, seine Ernte abzuholen.

grow! Du sagtest eingangs, dass du Drogen als Problematik der öffentlichen Gesundheit betrachtest. Ihr wollt auch problematischen Gebrauch bekämpfen. Stellt ihr Angebote für Leute bereit, die aufhören wollen oder einen Entzug wagen möchten?

Joep: Nein, so einen Service haben wir nicht. Wir hoffen, dass wir durch bessere Aufklärung und Dokumentation lernen können, welche Art von Cannabis jemand tatsächlich braucht, damit die Mitglieder ihren Gebrauch optimieren können. Es hat sich gezeigt, dass, wenn Leute nicht wissen, was genau sie da rauchen, sie dazu neigen, einfach so viel wie möglich zu konsumieren. Sie experimentieren dann mehr.

grow! Letzte Frage: Du stehst mit deutschen Drogenaktivisten in Kontakt und hast die Debatte hier auch verfolgen können. Wie schätzt du die Chancen für eine deutsche Version der Cannabis Social Clubs ein?

Joep: Es gibt Hoffnung. Und die sollten wir als letztes verlieren ... aber ja, die Hoffnung besteht. Man kann die Frustration hier spüren, von all diesen Leuten, die mit viel Energie und Leidenschaft argumentieren. So gesehen, können wir nicht verlieren. Aber andererseits habt ihr auch einen der stursten, härtesten und unflexibelsten Apparate der Welt ... ihr habt diese zwei Seiten. Mir scheint, dass man mit kleinen Argumenten, fast schon kindlich, der Öffentlichen Meinung klar machen kann: Hey, was ist der Grund für Drogengesetze? Öffentliche Gesundheit. Und wofür setzen wir uns ein? Auch für die öffentliche Gesundheit!

grow! Die Debatte muss also weg von der Moral und rein in den Gesundheitsbereich?

Joep: Welches Recht hat jemand, einem anderen zu sagen, dass er sich nicht an der Natur bedienen darf, wenn es ihm hilft? Sind wir Affen ... obwohl, nicht einmal Affen gehen gegen die Natur vor! Wir haben das Recht zu sagen, dass wir nicht von Straßendealern oder Apothekern abhängig sein wollen. Wir haben das Recht als Menschen, diesen Zugang zu haben, ohne irgendjemandem Schaden zu verursachen. Das ist ein starkes Argument ... und ich glaube, selbst Konservative haben irgendwo einen liberalen Kern. Den müsst ihr ansprechen.

grow! Und das werden wir. Joep, danke dir für das Interview - wir drücken euch die Daumen.

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