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Big in Japan - Die „Cannabis Liberation Army“

24.03.2020
grow! Magazin
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Growing

Japan gehört nicht unbedingt zu den Ländern, die in puncto Cannabis als innovativ oder liberal bezeichnet werden könnten. Im Gegenteil, von allen westlich geprägten Ländern hat Japan eines der repressivsten und härtesten Gesetze gegen Cannabis, und die japanische Regierung sorgt für eine rigorose Umsetzung. Dass sich in Japan unter diesen Umständen überhaupt Leute für Cannabis interessieren, ist schon verwunderlich. Dass es aber sogar eine „richtige“ Grower-Szene gibt, die in Sachen Knowhow und Qualität ihrer Anbauergebnisse denen in den USA in nichts nachstehen soll, hätten wir nicht gedacht …

So berichten es uns zumindest Keity und Katsu, die seit einigen Jahren in der japanischen Cannabis-Szene aktiv sind. Zusammen betreiben die beiden Japaner eine Internetplattform, über die vor allem Cannabissamen verkauft werden. Sie erklären uns, dass es bis vor ein paar Jahren auch Grow- und Seedshop in Japan gab, doch eine Gesetzesverschärfung der Regierung um Premierminister Abe hat dafür gesorgt, dass auch die Beihilfe zum Cannabisanbau unter Strafe gestellt wurde. In der Folge schlossen die meisten Grow- und Seedshops, nur einige wenige blieben standhaft und machten weiter. So auch Keity, der dafür die Härte des japanischen Justizsystems zu spüren bekam und für vier Jahre ins Gefängnis musste.

Dabei sind Hanfsamen und Growequipment in Japan eigentlich legal, man darf sie nur nicht für den Anbau von Cannabis nutzen. Die Strafen für Cannabisanbau liegen bei sieben bis zu zehn Jahren, je nach Schwere des „Vergehens“. Wenn man mit einem Joint erwischt wird, gibt’s dafür ein Jahr Freiheitsentzug, was bei Ersttätern für drei Jahre auf Bewährung ausgesetzt wird. Lässt man sich in dieser Zeit noch mal erwischen, hat man erst mal Zwangsurlaub. In Japan ist selbst der Konsum von Cannabis verboten und kann mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug und der obligatorischen Bußgeld-Strafe geahndet werden – in den meisten Ländern, so auch in Deutschland, ist der Konsum von Cannabis straffrei.

Laut offiziellen Statistiken soll rund ein Prozent der japanischen Bevölkerung Erfahrung mit Cannabis gemacht haben – trotz der strengen Verbote. Bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 120 Millionen sind es also rund 1,2 Millionen Menschen. Im Vergleich zu anderen westlich geprägten Ländern ist das aber relativ wenig (in den meisten europäischen Ländern sind es rund 5 Prozent der Bevölkerung).

Dabei kann Hanf in Japan auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken, selbst in den Rüstungen der Samurai waren Hanffasern verarbeitet. Doch was den Konsum von Cannabis als Genuss- oder Heilmittel angeht, spielte das wohl in Japan nie eine große Rolle – zumindest ist dazu nichts dokumentiert. Und so wurde Cannabis erst 1948 verboten, nicht ganz ohne den Einfluss der USA, die Japan damals infolge des Zweiten Weltkriegs besetzt hatten.

Aber nicht nur die strengen Gesetze sorgen in Japan dafür, dass Cannabis in der Gesellschaft keine große Rolle spielt, auch die Preise für Marijuana und Haschisch tragen dazu bei: So berichten uns Keity und Katsu, dass aktuell 6.000 Yen für ein Gramm Gras von Standardqualität verlangt werden. Das sind nach derzeitigem Umrechnungskurs knapp 50 Euro! Und das muss man sich erst mal leisten können.

Hinzu kommt, dass die Cannabis-Szene sehr verdeckt agiert, und ohne die entsprechenden Kontakte ist es sehr schwer, überhaupt an Gras oder Haschisch zu kommen. Keity erklärt uns, dass in Japan solche Dinge über Chatgruppen geregelt werden. Whatsapp, Threema und ähnliche Chatplattformen werden dort intensiv genutzt. Und nur wer jemanden kennt, der Mitglied ist und eine Einladung ausspricht, kann selbst Mitglied werden.

Natürlich versucht die japanische Polizei dagegen vorzugehen, doch wie uns die beiden versichern, sind solche Chatgruppen sehr sicher, und da die Zahlungen nur über Cyber-Währung wie Bitcoins laufen, lassen sie sich nicht nachvollziehen. Angesichts der hohen Preise für Cannabisprodukte und der schwierigen Versorgungslage empfehlen Keity und Katsu ihren Landsleuten aktiv den Eigenanbau. Sie wollen, dass es in Japan immer mehr Menschen gibt, die sich selbst mit Cannabis versorgen können und unabhängig von anderen Quellen werden.

In der Vergangenheit gaben sie vor allem das Wissen über einen effektiven Indooranbau von Cannabis weiter. Doch um das Wissen auch praktisch umsetzen zu können, braucht man die passende Genetik – sprich Samen. Deshalb hatte Keity ursprünglich seinen Shop eröffnet. Da so etwas kaum noch möglich ist, betreiben sie seit einem halben Jahr eine Internetplattform, über die sie vor allem Cannabissamen, aber auch Anbauequipment wie Lampen und Dünger verkaufen. Sie sagen, dass es bisher in Japan eine derartige Internetplattform noch nicht gab und sie die ersten seien.

Die meisten japanischen Grower hatten sich ihre neue Genetik in lokalen Seedshops besorgt oder bestellten sie in Europa oder den USA. Doch viele der Seedshops mussten schließen, und seit Kurzem achtet der japanische Zoll vermehrt auf derartige Päckchen und hat schon einige aus dem Verkehr gezogen – nicht ohne den Adressaten einen persönlichen Besuch von der Polizei abstatten zu lassen …

Um die entstandene Lücke zu schließen, starteten Keity und Katsu ihre Internetseite. Sie kommen uns weniger wie gewiefte Geschäftsleute vor, sondern vielmehr wie Aktivisten, die sich vom Staat nicht unterkriegen lassen und auf ihre Weise zivilen Ungehorsam leisten. Dafür spricht auch der Name, den sich sie sich und ihrer Internetpräsenz gegeben haben: CLA = Cannabis Liberation Army (Cannabis Befreiungs-Armee).

 

Zwar ist der Verkauf von Hanfsamen nach wie vor nicht verboten, doch wenn die Absicht unterstellt werden kann, dass dies zum illegalen Anbau geschieht, verstehen die Behörden keinen Spaß. Das weiß Keity aus eigener Erfahrung, und deshalb sind die beiden besonders vorsichtig. So dürfen wir zu diesem Artikel kein Foto von ihnen abdrucken, und ihre Internetseite haben sie so programmiert, dass sie als Betreiber nicht aufspürbar sind. Zahlungen laufen natürlich auch nur in Cyber-Währungen, um sowohl dem Kunden als auch ihnen bestmögliche Anonymität zu gewährleisten.

Ihre Ware, insbesondere die Seeds, bekommen sie von Großhändlern aus Europa, vor allem aus den Niederlanden und Spanien und auch aus den USA. Dafür haben sie eine spezielle Importstrategie entwickelt, damit die Waren-Sendungen aus Übersee sie sicher erreichen.

Aber sie wollen auch selbst in die Produktion von neuer Cannabisgenetik einsteigen. Das soll nicht in Japan passieren, dafür haben sie sich einen passenden Ort in Thailand gesucht. Dort haben sie die entsprechenden Infrastrukturen aufgebaut und fachkundiges Personal angeheuert. Schon bald sollen die ersten Freiland- und Indoor-Versuche starten.

Sie erzählen uns, dass sie bis jetzt rund 1.000 Kunden haben, die bei ihnen Samen und Zubehör bestellen. Auf die Frage, wie viele Grower es insgesamt in Japan gibt, sind sie etwas unschlüssig, einigen sich aber auf rund 5.000 aktive Grower – Tendenz steigend.  Zu ihren Bestsellern gehört die Sorte Pineapple Express, die sie auch selbst sehr gerne rauchen.

Angesichts der hohen Preise für Gras und Haschisch und des sich verbreitenden Wissens über den Indooranbau von Cannabis, sind immer mehr Japaner bereit, das Risiko einzugehen und sich ihren Eigenbedarf selbst anzubauen. Einige haben daraus einen Beruf gemacht und produzieren vorrangig für den Verkauf. Auch der medizinische Nutzen von Cannabis spricht sich in Japan allmählich herum und sorgt dafür, dass Leute – trotz der Verbote – mit dem Anbau beginnen. Doch auch das ist illegal und mit einem hohen Risiko verbunden.

Der Versuch, in Japan eine offizielle Genehmigung für die medizinische Verwendung von Cannabis zu bekommen, war bisher wenig erfolgversprechend. Das musste ein Mann aus Tokio erkennen, der an Leberkrebs erkrankt war und Cannabis zur Unterstützung seiner Therapie einsetzen wollte. Er wandte sich an das Gesundheitsministerium, um mehr dazu zu erfahren und eine Erlaubnis zur Therapie mit Cannabis zu bekommen. Doch die Bitte wurde ihm nicht gewährt und die Genehmigung verweigert. Der Mann beschloss, heimlich Cannabis anzubauen, um sich damit selbst therapieren zu können. Doch dabei wurde er entdeckt und von der Polizei festgenommen. Vor Gericht gab er an, dass keines der bisher eingesetzten Medikamente den Leberkrebs stoppen konnte und er Cannabis als seine letzte Chance zum Überleben ansieht. Nur aus diesem Grund, nicht aus finanziellem Interesse, habe er Cannabis angebaut.
Während er auf das richterliche Urteil wartete, erlag der Mann seinem Krebsleiden. Das Verfahren wurde daraufhin eingestellt, ohne die Angelegenheit juristisch abzuschließen und ein Grundsatzurteil zu der Thematik zu fällen.

Der Fall ging aber durch die japanischen Medien und hat zu einer öffentlichen Diskussion über die medizinische Verwendung von Cannabis geführt. Zusätzlich befeuert der auch in Japan aufkommende CBD-Hype die Diskussion. Hanfprodukte wie Öle dürfen frei gehandelt werden, wenn sie kein THC enthalten. Das trifft auf die meisten Hanfprodukte mit CBD zu, die in der alternden japanischen Bevölkerung auf großes Interesse stoßen.

Es besteht die Hoffnung, dass die Akzeptanz für Cannabis in der japanischen Bevölkerung auf diese Weise nach und nach anwächst und Cannabis nicht mehr nur als gefährliche Droge angesehen wird.

Keity und Katsu haben die Hoffnung, dass sich über den Cannabisanbau die hohe Selbstmordrate in Japan reduzieren lässt. In Japan nehmen sich jedes Jahr rund 20.000 Menschen das Leben. Keity und Katsu glauben, dass, wenn die Menschen die Möglichkeit hätten, selbst Cannabis anbauen zu können, ihnen das Bestätigung, Freude und einen neuen Sinn im Leben geben könnte.
Denn wer schon mal selbst aus einem winzigen Samen eine gesunde und potente Hanfpflanze gezogen hat, bekommt einen ganz neuen Blick auf das Wunder des Lebens, auf die Verantwortung anderen Lebewesen gegenüber und erlebt die Erfüllung, die die Arbeit mit ihnen bringen kann. Das gibt neues Selbstwertgefühl und Lebensfreude!

2021 finden in Tokio die Olympischen Sommerspiele statt und bringen Menschen aus der ganzen Welt in die japanische Hauptstadt. Keity und Katsu hoffen, dass mit ihnen auch ein neuer Geist und ein neues Verständnis im Umgang mit Cannabis nach Japan kommen wird. Dann wird man sehen, wie Regierung und Justiz darauf reagieren und ob dies zu einem Umdenken in der japanischen Drogenpolitik führt.

Weitere Info zu CLA: www.cla-seed.com

Fotos: Alle Fotos zu diesem Artikel stammen von japanischen Growern aus der CLA-Community

Dieser Artikel stammt aus der grow! Ausgabe 1-2020. Wir veröffentlichen hier aus jeder neuen Ausgabe unseres Print-Magazins vier vollständige Artikel - erst als Leseproben, acht Wochen später als vollständige Texte, gratis für alle. Falls du diese Ausgabe nachbestellen möchtest, schau doch mal in unseren Shop. Alternativ findest du die Ausgabe auch als ePaper zum bequemen Lesen auf deinem Smartphone, PC oder Tablet.

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