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Der Herbst 1977 aus der Sicht eines DDR-Kindes Ich war gerade zehn, als Schleyer erschossen und die Lufthansa- Maschine "Landshut" entführt wurde. Die Tagesschau zeigte Bilder von Menschen, die Terroristen hießen und gesucht wurden. Diese waren allerdings in einer grauenhaften Qualität, was mich verwunderte, schließlich vermittelte die Werbung einen hohen Stand der Technik. Erst später wurde mir klar, daß dies Absicht war. Desweiteren irritierte mich das Aussehen dieser Menschen. Ich hatte noch nie so gräßlich aussehende Menschen gesehen und konnte mir nicht vorstellen, daß irgendwo auf ieser Welt jemand so aussehen könnte. Und ich hatte das kindliche Gefühl, daß an der ganzen Sache was faul war. Ein Jahr vorher wurde Wolf Biermann ausgewiesen, wir tuschelten in der Schule darüber, schon wissend, daß es Ärger bringen könnte, wenn die Lehrer was mitbekommen würden. Begreifen konnten wir das alles aber noch nicht. Eines verstand ich allerdings dadurch schon, wenn auch diffus: Sobald man gegen den eigenen Staat was sagt oder macht, bekommt man Ärger. |
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grow!: Du schreibst in Deinem Buch sehr viel über Gefühle und Befindlichkeiten derer, mit denen Du zusammen gekämpft hast. Kann man noch effektiv Widerstand leisten, wenn man Gefühle zuläßt oder hat das einfach mit dazugehört? Inge: Wir haben Leben und Kämpfen als Einheit verstanden. Auf die Idee, unsere Emotionen ausschalten zu müssen, sind wir nicht gekommen. Dort wo Emotionen zu einem Problem werden konnten - z.B. die Angst - mußten wir uns damit auseinandersetzen. Natürlich gibt es auch irrationale Gefühle, jeder kennt sie, sie sind aber immer Ausnahmezustände/Konflikte, aber die meinst Du sicher nicht? grow!: Aber bei der RAF hatte man ja doch eher den Eindruck, das Gefühle nicht erwünscht waren bzw. unterdrückt wurden. Inge: Das stimmt so nicht, ist aber ein schwieriges Kapitel. Vielleicht so: In der RAF sollten sich die Gefühle möglichst nur auf die objektiven Notwendigkeiten richten. grow!: Hast Du Dich in Deiner aktiven Zeit mal verliebt und wie konntest Du damit umgehen? Stand der Kampf im Vordergrund, wurde das Private untergeordnet? Inge: Mehr als einmal. In der Illegalität gibt es die Trennung von Privat und Politik nicht. Das geht ineinander auf. Schwierig ist es bei einer Liebesbeziehung zwischen illegalen und legalen GenossInnen. Die muß selbstverständlich mit den Erfordernissen der Klandestinät harmonisieren oder sie muß aufgegeben werden. grow!: Ihr habt ja immer mal spektakuläre Sachen draufgehabt wie die Schokokußgeschichte oder Lorenz sein Bargeld als "Spende" verschickt. War das so ein Anflug von Spaßguerilla? Inge: Ach, das war eine Form der "Entspannunngspolitik" gegenüber den Leuten in der Bank, so ein Moment der Überraschung, daß sie sehen, es geht nicht gegen sie, nur gegen das Kapital. Als Spaßguerilla haben wir uns nie gesehen, aber wir sind dem Ernst der Geschichte auch immer mit Humor - auch mit schwarzem - begegnet. grow!: Verschiedene Kritiker meinen ja, erst durch die RAF und die Bewegung 2. Juni wurde der Überwachungsstaat möglich. Wäre es auch ohne euch dazu gekommen? Inge: Das ist die Dialektik des iderstandes. Er ruft unweigerlich die repressiven Potenzen der Herrschenden hervor. Aber die Notstandsgesetze, das KPD-Verbot, der Radikalenerlaß, Berufsverbote, das alles hat es schon vorher und unabhängig vom bewaffneten Kampf in der BRD gegeben. Und jetzt? Seit '92 ist der bewaffnete Kampf offiziell für beendet erklärt, der Staat figuriert sich trotzdem seine Feindbilder, um die fortschreitende ufrüstung der inneren und äußeren Sicherheit zu legitimieren. Der große Lauschangriff, Europol, Spezialeinheiten... Das hat ja eine Logik: Dieser sich von allen sozialen Verpflichtungen und politischer Verantwortung freimachende eoliberalismus wird unausweichlich Widerstand in vielfältiger Form hervorbringen, das wissen auch die Machthaber und sie antizipieren dies in ihren repressiven polizeilich/militärischen und juristischen Projekten. grow!: Bommie Baumann hat mal gesagt: "In diesem Land gibt es kein Happy-End mehr". Kannst Du Dich dem anschließen? Inge: Was für ein Happy-End hat Bommie wohl erwartet? Deutschland war und wird auch nie ein Ort für paradiesische Hoffnungen sein. grow!: In Frankreich haben ja Wortmeldungen von bekannten Philosophen oder anderen prominenten Nichtpolitikern immer noch eine Wirkung in großen Teilen der Bevölkerung. Hier in Deutschland sind prominente kritische Stimmen nicht mehr zu hören. Hat sich die Sprachlosigkeit der Auschwitzgeneration auf die Kinder übertragen? Inge: In Frankreich ist die kritische Öffentlichkeit noch nie so vollkommen im herrschenden Konsens aufgegangen wie zu manchen Zeiten in der BRD, 1977 z.B. oder seit '89. Ich sehe es hier in der BRD nicht als Sprachlosigkeit, sondern als bequeme und sogar ziemlich wortreiche Flucht in den herrschenden Zeitgeist. Eine geistige Verfettung der Intellektuellen. grow!: Gibts hier noch irgendeine treibende Kraft, wo Du denkst, da könnte man noch Hoffnungen haben? Inge: Natürlich gibt es Hoffnungen. Der Kapitalismus wird uns solange vor sich hertreiben, uns herumschubsen und prügeln, bis wir entweder umfallen oder uns umdrehen und ihm wieder in die Eier treten. Entschuldige, aber der Kapitalismus ist nun mal patriachalisch. Die Verhältnisse werden uns treiben und die Kraft müssen wir selber sein. grow!: Die Haschrebellen gibts noch, hast Du noch Kontakte? Inge: Ach, die Haschrebellen gibt es noch? Ein Rebell, eine Rebellin betreibt die Rebellion, wo wehren sich die User gegen die repressive Drogenpolitik? grow!: Früher habt ihr ab und an eine Tüte geraucht, wie sieht es jetzt damit aus? Inge: Irgendwie bin ich auch konservativ, an Dingen die guttun, halte ich fest, auch wenn ihre Bedeutung geringer ist. grow!: Wie beurteilst Du die gegenwärtige Drogenpolitik? Inge: In der Drogenpolitik der BRD setzt sich immer wieder die Negierung aller positiven Erfahrungen bei der Legalisierung des Drogenkonsums durch und zum Zug kommt der repressive Strafanspruch des Staates. Aber frag mich bitte nicht als Expertin, detailliert verfolge ich nicht die Entwicklung der Drogenpolitik. grow!: Würdest Du den Usern was mit auf den Weg geben? Inge: Viel Vitamine essen und nicht aufhören für die Legalisierung zu kämpfen. |