Der Herbst 1977 aus der Sicht eines DDR-Kindes

Ich war gerade zehn, als Schleyer erschossen und die Lufthansa- Maschine "Landshut" entführt wurde. Die Tagesschau zeigte Bilder von Menschen, die Terroristen hießen und gesucht wurden. Diese waren allerdings in einer grauenhaften Qualität, was mich verwunderte, schließlich vermittelte die Werbung einen hohen Stand der Technik. Erst später wurde mir klar, daß dies Absicht war. Desweiteren irritierte mich das Aussehen dieser Menschen. Ich hatte noch nie so gräßlich aussehende Menschen gesehen und konnte mir nicht vorstellen, daß irgendwo auf ieser Welt jemand so aussehen könnte. Und ich hatte das kindliche Gefühl, daß an der ganzen Sache was faul war. Ein Jahr vorher wurde Wolf Biermann ausgewiesen, wir tuschelten in der Schule darüber, schon wissend, daß es Ärger bringen könnte, wenn die Lehrer was mitbekommen würden. Begreifen konnten wir das alles aber noch nicht. Eines verstand ich allerdings dadurch schon, wenn auch diffus: Sobald man gegen den eigenen Staat was sagt oder macht, bekommt man Ärger.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

grow!: Du bist Anfang des Jahres aus dem Knast raus. Wie waren die Haftbedingungen?

Inge: Ich war überwiegend im "Normalvollzug" mit einigen Besonderheiten wie tägliche Zellenkontrollen, Extrabewachung bei Besuchen, Hofgängen etc., überhaupt eine höhere Überwachung. Erst in den letzten anderthalb Jahren Knastzeit hatte ich nahezu Bedingungen wie die anderen sozialen Gefangenen auch.

grow!: Gab es Unterschiede zu den Siebzigern und Achtzigern?

Inge: Ja, die politischen und persönlichen Differenzen, der Zerfall kollektiver Ansprüche und Perspektiven, die große Konfusion in der Niederlage war bis in die Knäste hinein fühlbar gewesen. Ich persönlich mit meiner speziellen Ost-Westgeschichte fand mich in einer ziemlichen Einzelposition und hatte Mühe in dem ganzen Durcheinander nicht die Orientierung zu verlieren.

grow!: Was machst Du jetzt, bist Du noch politisch aktiv?

Inge: Du meinst, ob ich wieder politisch organisiert bin? Nein, ich bin ja noch nicht mal ein Jahr draußen und sollte mich wohl noch ein bischen umschauen dürfen.

grow!: Du wohnst in Magdeburg, bist also im Osten geblieben, obwohl die Stadt ja des öfteren durch Rechtsradikalismus in die Schlagzeilen kam - warum?

Inge: Wie wirkt der Kapitalismus auf die Leute im Osten, wie kommen sie zurecht, wie haben sie sich verändert, wie finden sie sich wieder, das will ich erfahren.

grow!: Wenn es den Herbst '89 nicht gegeben hätte, wärst Du vielleicht nie entdeckt worden. Hattest Du Dich auf ein normales Leben eingerichtet oder wärst Du irgendwann wieder aktiv geworden?

Inge: Ein hätte und wäre kennt die Geschichte nicht.

grow!: Du hast im Knast ein Buch geschrieben, das sehr detailliert ist. Hast Du ein so gutes Gedächtnis oder gab es immer ein Tagebuch, was dabei war?

Inge: Ich finde ja mein Buch gar nicht detailliert genug, weil die Erinnerungen vieles nicht wieder hergegeben haben. GenossInnen haben mir Archivmaterial geschickt, vieles an Fakten fand ich auch in den Akten, daran habe ich mir Erinnerungen, Situationen, Atmosphären zurückgeholt.

grow!: Hat Dich das Schreiben am Leben erhalten?

Inge: Auch ohne das Schreiben wäre ich auf keinen Fall im Nirgendwo versunken, aber es hat mir sehr geholfen mich im Knast nicht als politisches Subjekt zu verlieren.

grow!: Beim Lesen Deines Buches hatte ich oft den Eindruck, daß Du nur Menschen ernst nimmst, die politisch engagiert sind. Ist die Politik das Allesbestimmende?

Inge: Dein Eindruck ist nicht richtig. Ich nehme jeden Menschen ernst, der wahrhaftig zu sein versucht und sozialempfindend ist. Ich habe Freundinnen und Freunde, die nicht explizit politisch sind, sondern einfach wissen wie Menschen miteinannder umgehen müssen, nämlich solidarisch, aufmerksam, mit Respekt und so offen wie möglich. Unter den "Politischen" kommt dies durchaus nicht immer zusammen.

grow!: Ich habe auch sehr viel von Moral gelesen, dabei ist Moral doch eher Erfindung des Menschen als eine Konsequenz des Lebens.

Inge: Ist nicht jedes ethische Verständnis eine Erfindung des Menschen? Was sonst macht unsere Humanität aus, wenn nicht diese "Empfindungen"?

grow!: Du hast die DDR und die BRD kennengelernt, was ja nun nicht gerade sehr viele Westdeutsche von sich behaupten können. Gibt es etwas, was Du ihnen unbedingt sagen müßtest?

Inge: Ja!! Solange der Westen - und hier schließe ich ausdrücklich die westlich geprägten Linken ein - nicht fähig wird, seine Kategorien, sein Selbstverständnis, seine materiellen/politischen und geistig kulturellen Interessen zu relativieren gegenüber anders geprägten Welten, wird seine Berührung mit diesen anderen Welten immer nur eine chauvinistische sein, eine elitäre und verständnislose. Eine Berührung, die auf Überwältigung, Eroberung und damit Vernichtung des Anderen aus ist. Wenn ich im Westen in linksradikalen/autonomen Zusammenhängen über die DDR rede, schlägt mir derselbe elitäre Hohn entgegen wie aus bürgerlichen Kreisen. Es ist dieselbe geschlossene Selbstgewißheit der eigenen Welt. Dem Osten möchte ich sagen, sich an diesem Hohn nicht länger abzuarbeiten, auch nicht an den Abstraktionen, in welche der Westen die DDR preßt und als konkrete Erfahrung aufzulösen versucht. Die Auseinandersetzung muß untereinander laufen auf allen Ebenen. Ihr Leben war real, die Erfahrungen konkret, tief und ambivalent vielfältig. Die Negativen und die Positiven.

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