Die Moral von der Geschicht'?

Ob ich was aus der Zeit bereue? Nur einen Vorfall, auch wenn ich vom Betroffenen nachher die Absolution erhielt. Muck hieß er. Der erste, den ich kannte, der dauernd Karotten knabberte, lange, bevor man wußte, wie 'Naturkost' buchstabiert wird. Muck, Roadie bei den formidablen Xhol, hatte irgendwann STP oder Scopolamin oder so ein Zeug genommen, bei dem man tagelang drauf ist. In dieser Zeit war er in die Psychiatrie nach Wiesloch eingeliefert worden. Weihnachtszeit war und es fanden sich noch drei Freunde/innen, die mitgingen, ihn zu besuchen. Ich hatte in meinem Leben noch nie so eine Anstalt von Innen erlebt, war völlig geschockt von den abgeschlossenen Türen ohne Griffe. [Warum stand der Weihnachtsbaum im Flur, wo ihn die Insassen nicht mal sehen konnten, sondern nur die Besucher im Vorbeigehen??]. Dann saßen wir ihm, der stark unter der Wirkung von Psychopharmaka stand, gegenüber. Natürlich [?] hatten wir vorher alle einen Trip genommen, wollten dieses Erlebnis entsprechend verstärkt erleben. Hart. Sehr hart. Muck erkannte sofort, was mit uns los war. "Hat jemand einen Trip dabei?" Well, could I lie to you? "Dann gib mir bitte einen." Was ich tat. Sofort war mir klar: Ein dummer Fehler! Diese Erkenntnis kam zu spät. Wegen diesem Trip mußte Muck weitere sechs Monate einsitzen. Natürlich flippte er völlig aus. Eine ganz gesunde Reaktion, unter diesen Umständen. Und ich fühlte mich lange Zeit sehr beschissen.

Jahre später besuchte er mich dann. Jaja, das sei schon herbe gewesen, aber ich hätte doch nichts dafür gekonnt. Trotzdem, da helfen keine Worte der Beschwichtigung, das war mein Fehler. Aber er bekam die Rote Karte.

Sollte es noch andere gegeben haben, die durch meine Naivität gelitten haben, möchte ich mich hiermit bei ihm oder ihr entschuldigen. Spät, aber von Herzen.

Ende der 80er dachte ich: Nun sind auch bei den größeren Händlern, denen man ja hurtig Bandentum unterstellen konnte, wenn sie mal einen miteinander gekifft hatten, die Verjährungsfristen für alle Dealereien abgelaufen. Laßt uns doch ein Buch über jene Zeit machen. So fragte ich per Brief zwei Dutzend Ex-Kollegen, warum sie gedealt hätten. Was sie dadurch gelernt hätten. Wie sie heute dazu stehen. Ob sie ihre Kinder über ihre Vergangenheit aufgeklärt haben. Ob sie Schwierigkeiten gehabt, und was sie durch diese gelernt hätten. Etc. p.p. Der Rücklauf war - für mich - erschreckend.

Kaum einer stand zu seinen 'Sünden' von damals, kaum jemand war gewillt darüber zu reden. Und so mancher, den ich ansprach, hatte die blanke Paranoia in den Augen, ich könne ihn outen. Hey, I never did, keine Bange. Außerdem führte damals außer mir kaum jemand seinen bürgerlichen Vor- oder NachNamen in seiner 'Underground-Identität'. Bei mir glaubten die GIs, ich hieße 'Pieper', weil ich immer eine langstielige Pipe rauchte. Aber die andern hießen doch meist Happy, Turnschuh, der Rote Chris, der hektische Chris, der Coole Chris, der Hamburger Chris, Lucky, Rolli, Bibi, Goof, Chuh, Gypsy, .... Den bürgerlichen Namen von meinem damaligen Lehrer, dem selbsternannten Singnore Red, habe ich nie gewußt. "I am Signore Red and I am proud of my name!" Vor einigen Jahren tauchte er plötzlich erstmalig seit Jahrzehnten bei mir auf. Meinen vorbereiteten Fragebogen für Dealer fand er abartig. "Pieper, solche Fragen von dir??" Er wies auch strikt zurück, mir jemals was beigebracht zu haben. Aber er blieb seiner Berufung treu, bis er vor einigen Jahren, auf ein übervoll gelebtes Leben zurückschauend, starb.

Die meisten Kollegen sind nicht so gut über die Runden gekommen wie ich. Einige suchten stärkere Kicks und perforierten sich Venen und Hirne. Viele überkam die Geldgeilheit und sie landeten im Knast, andere ergaben sich von der Verantwortung [oder der Paranoia] überwältigt sektenhaft erleuchtungssüchtig oder landeten im Schoß der Kirche.

Und einige wenige Überzeugungstäter setzen heute fort, was wir damals schon taten: Menschen wie mich und dich auf eigenes Risiko mit einem Grundlebensmittel versorgen, daß z.Zt. nicht auf dem freien Markt erhältlich ist. Auf einem legalisierten Hanfmarkt wären sie wahrscheinlich, trotz ihres Job-spezifischen Wissens, arbeitslos. Das Problem mit Überzeugungstätern ist ja aus Sicht derer, die ['Vor dem Gesetz sind alle gleich, außer denen, die ...'] hinter dem Gesetz stehen, so gefährlich, weil sie nicht von ihrem Tun, von dem sie annehmen, daß sie der Gesellschaft etwas Gutes tun, abzubringen sind. Kein schlechtes Gewissen, keine Paranoia, keine Angst: da ist die staatliche Gerechtigkeit machtlos.

Denen gilt mein aufrichtiger Dank.

aus: Rippchens Reefers Digest, dem HanfLeseBuch, aus der Edition RauschKunde c/o Medienexperimente.

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