Zur Verantwortung des Jobs

Nach etwa drei Jahren Dealerei, als ich mal wieder völlig Pleite, gerade von einer Insel zurück, im Pop saß, und mir von meinen letzten Pfennigen einen Cappuccino leistete, rechnete ich vor lauter Langeweile mal durch, was denn die Autoritäten mit mir machen würden, wenn sie nur wüßten... Ich überschlug die Menge, die ich vertickt hatte und nahm als Grundlage nicht die 4 oder 5 DM, die ich fürs Gramm bekommen hatte, sondern die 12 oder 15 DM, die der Staatsanwalt oder der Zoll veranschlagt hätten. Ich kann mich noch an mein Grinsen erinnern, als ich auf eine stolze Millionensumme kam.

Irgendwann [merkwürdigerweise nur Wochen nachdem die erste große Heroinoffensive gegen GIs in Vietnam lief] tauchten die ersten Fixer in der Szene auf. Gut, in der Jazz Szene hatte es schon einige gegeben, aber mit denen hatten wir nix am Hut. In London und Hamburg gab es schon die Release-Organisation ['Hilf dir selbst!'], und im Herbst 1970 wurde in Heidelberg 'Der Verein zur Bekämpfung der Rauschgiftgefahr' gegründet. Eine Kommune mit entzugswilligen Fixern & Ex-Usern & guten Geistern, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern sollten. Mitbegründer Henky Hentschel pickte mich aus der Szene der Unteren Straße heraus und köderte mich mit einem Sozialarbeitergehalt und einem mietfreien Zimmer. Aus beidem wurde nie was, aber den Job nahm ich trotzdem an. Ich fühlte mich natürlich auch gebauchpinselt. Es brauchte eine Weile bis ich einsah, daß ich zu naiv und völlig unfähig war, gegen den Spirit eines Fixers anzukommen. Aber ich war durchaus motiviert, etwas ergänzend zu meiner Dealerei zu tun. So machte ich häufig Nachtdienst, denn wir boten einen 24-Stunden-Hilfsservice an. Ein Buch für sich. Wir bekämpften die Rauschgiftgefahr, indem wir die Drogen, stellvertretend für andere, selber 'vernichteten'.

Anfangs ließ die Polizei uns Dealer auf der Szene weitestgehend in Ruhe. Selbst der Bürgermeister erklärte, die bunte Hippiemeute sei gut für das Flair der Stadt, und die Touristenbusse nahmen einen Umweg, damit wir fotografiert werden konnten. Diese Situation änderte sich schlagartig. Als es '71 zu einem ersten großen Bust kam, bei dem drei Dutzend Dealer auf einmal hinter Gitter wanderten, war das Release überfordert. Der Verein war von staatlichen und städtischen Geldern abhängig, da konnte man sich doch nicht für Dealer engagieren. Wenige Wochen vorher war der erste Grüne Zweig erschienen. So gründete ich flugs unter dem Motto 'Release Release' eine Dealer-Rechtshilfe: Die Grüne Hilfe. Der Name, abgeleitet von der Roten Hilfe, war ein Vorschlag der Frau meines damaligen Großhändlers - von dem ich immer Grünes Dope bezog. Abgesehen von BenefitzKonzerten, die etwas Geld für Anwälte einbrachten, ging ich natürlich auch bei Kollegen sammeln. Aber die wollten zum größten Teil nichts davon wissen. Ganz hart für mich dann, als einige, die selber nicht helfen wollten, Monate später Bettelbriefe aus dem Knast schrieben und ich sie gnadenlos abblitzen ließ. Solidarität funktioniert nur auf Gegenseitigkeit, nie Einseitig. Dazu müßte man schon christlich motiviert sein. Da mir aber nicht nach Caritas war, nannte ich die Grüne Hilfe, in Dankbarkeit für das grüne marokkanische Haschisch aus Ketama, von dem wir uns finanzierten, bald in Grüne Kraft um. Höhepunkt dieser Aktivitäten, bei denen drei, vier Freunde mithalfen, waren unsere Weihnachtsbasare, auf denen wir alles mögliche verkauften und von dem Erlös dann Knastpakate packten. Ich ging einfach zum Staatsanwalt und dem Drogendezernat und fragte nach Dealern, die zu Weihnachten wahrscheinlich kein Paket bekämen. Ich erhielt Namenslisten mit [Knast]Anschriften. Datenschutz gab es noch keinen und irgendwie respektierten die Beamten anscheinend unseren Akt der praktizierten Solidarität. Alte Komißköppe, die.

Aus der renomierten Konditorei Schafheutle kauften wir 40 Tüten mit edlen Plätzchen, mampften die selber, backten Shit-Plätzchen, steckten diese in die Tüten & ab in den Knast damit. Dreist, das. Those were the days my friend, we thought they never end ...

Das Rechtsamt der Stadt wollte dann irgendwann das Release schließen. Ein Teil der Klageschrift betraf mich. Diese Beamtenseppel, die sonst immer meinten, Hasch mache lasch und Leute auf Trip gehörten unbedingt unter psychiatrische Aufsicht, behaupteten plötzlich keck, ich würde den Grünen Zweig 'unter LSD und Haschischeinfluß' herstellen. Wußten sie wirklich, wie recht sie mit dieser Behauptung hatten? Vor Gericht kamen sie damit allerdings nicht durch.

Hand aufs Herz
Schutzengel helfen
Die Moral von der Geschicht'?