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URLAUB
IN POLEN
im Interview
Seiltanz
im Wunderland

Nach dem Scumbucket-Interview in der letzten
Ausgabe der grow! bekamen wir erneut Besuch aus dem Hause blunoise: Georg
und Phillip vom Label-Neuzugang "Urlaub in Polen" kamen vorbei, um über
ihre neue Scheibe zu sprechen... und nicht nur darüber...
grow!:
Wie habt ihr beide denn zusammen gefunden?
Georg: Da gibts eine gute Geschichte:
Wir haben uns nämlich auf nem "Medewski, Martin and Wood"-Konzert insgeheim
verabredet. Wir sind uns da über den Weg gelaufen und haben uns aus der
Menge zugerufen..."und ich rufe euch zu!"... Das war special, irgendwie.
grow!:
Wie lange macht ihr das jetzt schon zusammen?
Georg: Wir haben so Februar letzten
Jahres angefangen zu proben, im August das erste Konzert gehabt, und seitdem
läuft es eigentlich echt gut. Die ganze Label-, Verlags- und Promo-Geschichte
hat sich eigentlich erst ab da entwickelt. Wir machen jetzt auf jeden
Fall mehr Schritte nach vorne als zurück. Als Olli damals ausgestiegen
ist, war das ein echt krasser Rückschlag. Zum Glück kam dann Phillip,
und jetzt läuft’s ja zum Glück. Das Feedback ist fast durchweg positiv.
Ich habe bisher kaum Stimmen gehört, die sagen, ihr seid scheiße, geht
nach Hause!
Phillip: Wir schaffen es irgendwie,
selbst Leuten, die eigentlich gar nicht auf Gitarren stehen, unseren Sound
nahe zu bringen. Jeder kann da seine Vorlieben drin finden oder sich "seine"
Elemente rauspicken.
grow!:
Georg hat ja vorher mit Olli Musik gemacht, “Urlaub in Polen” ist da entstanden.
Richtig abfahren tun sie jetzt mit Phillip am Schlagzeug. Wie würdet ihr
denn selber eure Musik beschreiben?
Phillip: Elektronik...
Georg:... das stimmt gar nicht,
zumindest nicht nur!
Phillip: Würde es nicht zu eurer
Zeitung passen, wenn wir sagen, wir machen Kraut-Rock? (Lachen)
grow!:
Zur Zeitung vielleicht, aber ob das zu eurem Sound passt, ist die Frage...
Georg: Nee, das stimmt auch nicht!
Phillip: Wenn man vorher durchspielt,
was für Fragen kommen könnten, dann ist das die Frage, vor der einem am
meisten graut! Jeder, der Musik macht, hat unglaubliche Schwierigkeiten,
das selber irgendwo einzuordnen.
Georg: Oder sie sagen halt direkt
eine Schublade, wenn es ganz klar ist. Also, bei uns gibts Einflüsse aus:
Elektronik, Rockmusik, Space-Geschichten, Dub-Sachen, weichen Drogen (Lachen),
... echt schwierig, da steckt alles mögliche drin. Wir wollen uns nicht
festlegen. Das fängt ja beim Namen an, der lässt alles offen. Das könnte
auch eine Deutsch-Punk-Band sein, sehr abstrakt, wie unser Sound. Das
Konzept ist offen angelegt. Aber egal wie verschieden die einzelnen Stücke
auch sein mögen, es ist irgendeine Form von durchgehendem Style da drin.
Und genau den kann ich nicht in Worte fassen. Das muss im Prinzip der
Zuhörer tun, wenn überhaupt. Die Gefahr besteht natürlich, dass wir ein
bisschen ins Gitarrenlager gesteckt werden, weil wir jetzt auf “blunoise”
und “raketemusik” rauskommen, und die sind natürlich bekannt für Indie-Gitarren-Geschichten.
Wir passen vom Konzept her eigentlich nicht 100%ig da rein.
grow!:
In der letzten Ausgabe gab es ja schon ein Interview mit euren Labelkollegen
“Scumbucket”... Wie wurden “blunoise” denn auf euch aufmerksam?
Georg: Wir haben Onkel Guido halt
so gern...(Lachen) (Anm. d. Red.: Guido Lucas ist Chef von blunoise und
Bassist von Scumbucket)
grow!:
...und der euch wohl auch!
Georg: Ja! Der war schon zu Ollis
Zeiten daran interessiert uns zu machen. Aber wahrheitsgemäß war es wohl
so, dass wir mit Aydos (Sänger von Blackmail) anderer Band “Dazordoreal”
gespielt haben. Die haben uns beim Soundcheck gehört, und das war wohl
Liebe auf den ersten Höreindruck. Alles weitere ergab sich dann.
grow!:
Was immer direkt in der Live-Situation auffällt ist, dass ihr ja nur zu
zweit seid. Die Leute fragen sich dauernd, wie ihr das hinbekommt, diesen
Sound, diese Intensität...
Phillip: Ich frage mich manchmal,
ob das auch noch ein Bombensound wäre, wenn wir zu fünft da stehen würden.
Es ist einfach ungewöhnlich, dass zwei Leute wie vielleicht fünf klingen...
Georg: Neulich war so ein Heavy-Metal-Typ
im Publikum, der rausgegangen ist und dann meinte, “läuft doch eh alles
vom Band ab”. Was natürlich totaler Quatsch ist. Es gibt hier und da eine
Sampler-Unterstützung, aber eigentlich passiert alles live.
grow!:
Ab wann gibt’s die Platte zu kaufen?
Georg:: Ab dem 30. September. Im
Moment läuft einiges an Promotion.
Phillip: Schon abgefahren. Vielleicht
sitze ich ja gerade zu Hause vor dem Spiegel und stell mir das alles hier
nur vor...
grow!:
Was würdet ihr denn als eure Beweggründe angeben, Musik zu machen? Eine
einfache Message, politisch oder nicht, scheint es ja so nicht zu geben...
Phillip: Ich gehe erst mal nicht
auf die Bühne, um bei Leuten irgenwas zu bewirken, außer dass die Musik
gefällt.
Georg: Nun ja, man stellt sich vor
Leute und macht irgendwas, das hat ja was exhibitionistisches.
Phillip: Ja, profilneurotisch eigentlich.
Ohne das gäbe es ja nicht den Auftritt. Das ist die Grundmotivation, auf
eine Bühne zu gehen. Später kann man dann wohlklingende Gerüste drüberbauen,
wie irgendwelche Messages. Vielleicht hat man einfach das Bedürfnis, gleichzeitig
von vielleicht mehr als 20 Leuten irgendwie geliebt zu werden. Das würde
ich unterbewusst mal vermuten.
Georg: Also hat es mit Liebe zu
tun...?
grow!:
Es gibt ja noch den Ansatz, eben so etwas zu tun, um andere Leute glücklich
zu machen...
Phillip: Ist das die “Jesus-Komponente”?
Ich bin auf der Bühne noch viel zu nervös, um an so etwas zu denken. Vor
und nach der Show bewege ich mich völlig in meinem eigenen Mikrokosmos
und kann mir keine "makrokosmischen" Gedanken machen. Es ist ja eine Extremsituation,
ein Striptease vor Leuten.
Georg: Das gute Gefühl dabei ist,
man wirft irgendeinen Impuls ins Publikum und bekommt etwas zurück. Das
spürt man, dann ist die Nervosität weg. Es ist ein Austausch, das Gefühl
ist wunderbar.
Phillip: Das ist ja ur-kapitalistisch.
Naja, aber wenn man nie etwas zurückbekommt, obwohl man exhibitionistisch
veranlagt ist, wird man vermutlich irgendwann frustriert aufgeben. Mir
ist aufgefallen, dass die ganz Großen wie David Bowie, Bob Dylan, usw.,
unheimlich klein sind. Man sagt ja, dass Kleine oft einen Minderwertigkeitskomplex
haben...
Georg: Die laufen ja auch in Plateauschuhen
rum, um das auszugleichen. Vielleicht bringt die Größe die nötige Motivation
hervor...
grow!:
Wie sieht’s mit Live-Dates aus?
Georg: Für Anfang November ist eine
Tour geplant, so 2-3 Wochen. Nächstes Jahr spielen wir dann eigentlich
erst Festivals.
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grow!:
Wie steht ihr denn zu Drogen?
Georg: Ich trinke häufiger Bier
als er raucht, bin aber definitiv kein Biertrinker.
Phillip: Ich bin Biertrinker, aber
kein Kiffer.
Georg: Man trifft sich bei Gin-Tonic.
grow!:
Na gut, das ist ja auch legal...
Phillip: Dass Kiffen nicht legal
ist, wäre eigentlich schon ein Grund es zu tun. Da habe ich immer noch
so was präpubertär-rebellisches in mir.
Georg: Es geht vielmehr darum, wie
man das für sich selbst sieht. Für mich persönlich ist der Kram schon
seit Jahr und Tag legal. Je normaler man damit umgeht, desto besser. Wenn
man in der Gesellschaft einen normalen Umgang damit anstrebt, dann sollte
man auch kein Geheimnis darum machen, sondern selbst auch ganz normal
damit umgehen.
Phillip: Mich hat Gras chronisch
schlecht gelaunt gemacht, so ganz subtil, von hinten rum. Ich habe es
aber auch falsch gemacht. Mit 16 steht da noch so ein sportiver Gedanke
hinter Drogenkonsum, das ist vielleicht nicht die günstigste Kombination.
Georg: Ich war auch schon an Punkten,
wo viele sicher gesagt hätten, ich höre jetzt auf damit, das bringt mich
nicht gut drauf. Ich habe dann einfach nicht aufgehört und gemerkt, das
geht ebenfalls wieder vorbei. Dann ging’s mir wieder unglaublich gut.
Wenn es krankhaft wird, nennt sich das wohl manisch-depressiv. Aber so
ist es einfach der "normale" Zustand. So lange man noch Bock darauf hat,
dieses Spannungsfeld zu durchleben, ist es ja kein Problem. Es ist eine
Art Seiltanz, wo unten ein Netz ist, die Psycho-Klinik halt.
Phillip: Na, wenn das Netz mal keine
Risse hat...
Georg: Ganz übertrieben ausgedrückt
würde ich das so sehen: Es ist eine Droge, man steht unter einem gewissen
Filter und ist nicht klar in der Welt draußen.
grow!:
Können bestimmte Drogen nicht auch eine Art Schlüssel sein?
Phillip: Ich tu mich immer schwer
damit, in Sachen, die man konsumiert, so was wie den “Weg zur Wahrheit”
zu sehen. Drogen dienen immer dazu, sich eine Realität angenehmer zu gestalten...
Georg: ...oder sich eine andere
herzustellen, die Realität zu filtern oder sie mit einer Art von Sonnenbrille
zu sehen. Jeder hat ja seine eigene Realität. Und wie man das wahrnimmt,
was existiert, ist ebenfalls völlig variabel. Wir sehen eh nur einen Teilausschnitt.
Das ist unsere subjektive Realität.
Phillip: “Realitätenhändler” sind
in Österreich übrigens Immobilienmakler...
Georg: Da würden mir noch andere
Leute einfallen, die mit “Realitäten” handeln...(Grins) “Eine Pille macht
dich größer, eine andere kleiner”, Alice im Wunderland...
Phillip: Natürlich ist es der totale
Mumpitz, so was zu verbieten. Mir liegt allerdings viel schwerer im Magen,
so was wie eine Einsatztruppe nach Jugoslawien zu schicken.
Georg: Politik heisst ja auch, dass
man von seinem eigenen Leben ausgehen muss. Man ist schließlich ein Stück
vom Ganzen. Die Raucherei ist eines der vielen Themen, wo man sagen muss,
es liegt einiges schief in diesem Land. Ehrlich zu sein, auch zu sich
selbst, ist das wichtigste. Nicht darauf zu hoffen, dass das alle ohne
weiteres tolerieren. Man sollte nie etwas erwarten. Wenn man dann doch
etwas bekommt, ist es ein Geschenk. Es kommt ja vor, dass du in irgendeiner
Situation bist und dann was spezielles erwartest. Das sollte man sich
echt ganz abgewöhnen. Man sollte sich eigentlich nur darüber freuen, wenn
man was bekommt.
Phillip: Was ich wirklich vermisse,
seit ich nicht mehr kiffe, sind diese großartigen Sessions, uns bei mir
in den Keller zu setzen, die Eimer reinzupfeifen und dann Musik ganz neu
zu entdecken!
Georg: Ich erinnere mich noch an
eine Nacht, in der ich die ganze Zeit mit einem Freund vor einem Gitarrenverstärker
gesessen habe. Wir hatten da eine Rückkopplung, die lief über Stunden.
Wir saßen wie gebannt vor den Boxen und haben verfolgt, wie sich das von
selber immer weiter entwickelt hat. Wahnsinn… Die Musik ist der Transporter
für das, was gerade in dir ist. Durch die Routine ist man vielleicht in
der Lage, so eine gewisse Grundstimmung im Stück zu erzeugen, aber je
nachdem wie man an dem Tag gelaunt ist, kann das das ganze Bild in alle
Richtungen verändern. Einen direkteren Transport gibt’s gar nicht, man
setzt das sofort um in Klang. Ob das nun Aggressionen sind oder sonst
was, Seelenstriptease halt. Bei meiner anderen Band “WWK” ist das oft
wie Duschen.
grow!:
Hast du nebenbei auch noch andere Sachen laufen, Phillip?
Phillip: Ja, eine Gitarrenklamotte
und so Elektroniksachen, die mache ich alleine. In kleinerem Rahmen habe
ich einige Remix-Geschichten veröffentlicht, auch ein Gitarrenrock-Instrumental-Album.
grow!:
Wie läuft das Texten bei euch ab?
Georg: Mittlerweile schreibe ich
ständig irgendwelche Phrasen direkt auf, die mir durch den Kopf gehen.
Das habe ich früher nicht gemacht. Beim Autofahren z.B., irgendwie werden
diese Sachen verquirlt, und daraus entstehen Zusammenhänge. So eine Art
"écriture automatique". Eine Schreibform aus dem Surrealismus, wo man
einfach drauf losschreibt. Das kennt man aus diversen Therapien, wo man
einfach losmalt oder erzählt. Dabei treten Sachen zutage, an die man mit
dem Intellekt nicht rankommt. So funktionieren diese Phrasen und Texte.
Unsere Lyrics sind also wirklich persönlich und damit hoffentlich so,
dass sich Menschen in ihnen wiederfinden. Es gibt so viele Dinge, die
allen oder zumindest vielen im Leben passieren, und ich glaube, ein guter
Text oder ein gutes Gedicht ist einfach eine Komprimierung von Zeilen,
die vielleicht so persönlich sind, dass sich darin jeder wiederfinden
kann.
Nach einer ausschweifenden Diskussion über Lyrik
im allgemeinen und ihren Sinn bzw. ihre Definition, von “Stuckrad-Barre”
über “Goethe” zu Pop-Art, usw., auf die ich hier jetzt nicht näher eingehe,
einigt man sich schließlich darauf, dass...
Georg: ...es halt verschiedene
Ebenen gibt. Der Intellekt spricht mehr auf die Form an, aber das, was
von den Buchstaben in ihren kleinen Zusammenstellungen transportiert wird,
trifft dich ganz woanders.
Phillip: Es gibt aber auch andere
Ansätze. Bei mancher neuer Musik geht man z.B. ganz klar davon weg, möglichst
viele Leute irgendwo berühren zu wollen oder zu gefallen. Es gibt da zig
verschiedene Ansätze. Bei unserer Musik ist es dann genau die Frage: Eigentlich
machen wir Pop-Musik, weil viele Leute sich angesprochen fühlen, dennoch
ist die Motivation grundsätzlich die der Freiheit von musikalischen Beschränkungen,
dann wiederum haben wir diese "écriture automatique"-Texte, usw. Schon
seltsam, nicht?! Die Tatsache, dass sich viele Leute in etwas wiederfinden,
muss nicht gute oder schlechte Kunst ausmachen.
Georg: Wir machen ja auch nicht
so ganz extreme Nischen-Sachen, wie Performances mit Schweine-Schlachten
oder sowas.
Phillip: Ich stelle mir halt die
Frage, ob heute in der Musik nicht zu viel darauf geachtet wird, dass
sich möglichst viele in einem Song wiederfinden können. Das ist dann Massentauglichkeit
und somit Mainstream. Früher, denke ich, war das so: Die Leute, die sich
Bach angeschaut haben, waren musikalisch irgendwie vorgebildet, haben
sich also wirklich Bach reingezogen und nicht erwartet, dass der ihnen
was spielt, das ihnen automatisch zusagt oder was sie schon kannten. Das
gilt natürlich nicht unbedingt für Auftragsarbeiten oder z.B. für Kirchenmusik.
grow!:
Zu Bachs Zeiten gab es natürlich viel weniger zum Konsumieren. Heute ist
alles Konsum, damals war das absoluter Luxus, Musik, Theater,.... Dabei
setzt man sich schon zwangsläufig intensiver oder zumindest länger bestimmten
Eindrücken aus als heute.
Phillip: Klar. Das konnte sich nur
eine gewisse Schicht leisten. Und die war musikalisch gebildeter, als
die meisten Leute heute. Wenn wir das als Band schaffen, eine Verschmelzung
von irgendwie bekannten Höreindrücken mit diesen neuen, noch nie gehörten
Aspekten, ganz neue Hör-Realitäten bei manch einem schaffen und dennoch
viele Leute berühren, das wäre doch optimal. Und dadurch, dass wir uns
reiben, entsteht hoffentlich weiterhin was neues.
grow!:
Famous last words?
Phillip: Oh ja, Hasi, Beo und die
Jungs grüßen, auf jeden Fall!
Mehr Infos über Urlaub in Polen, die neue CD und alle Live-Dates unter
www.blunoise.de
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