Cannabis regt den Appetit an. Menschen mit Krebs, Aids, Hepatitis C und anderen Erkrankungen, die mit Appetitlosigkeit einhergehen können, profi tieren dabei auch von weiteren positiven Wirkungen der Hanfpfl anze wie Hemmung von Übelkeit, Schmerzlinderung und Stimmungsaufhellung. 1992 wurde der Cannabiswirkstoff THC, der im medizinischen Zusammenhang oft Dronabinol genannt wird, von der amerikanischen Arzneimittelbehörde zur Behandlung von Appetitlosigkeit von Aids-Patienten zugelassen.

Appetitlosigkeit und starker Gewichtsverlust sind Symptome vieler fortgeschrittener Erkrankungen. Der schlechte Ernährungszustand kann die Gesundheit und das Befinden der Betroffenen weiter beeinträchtigen, so dass versucht werden sollte, dem auch unabhängig von der Grunderkrankung entgegen zu steuern.

Bei fortgeschrittenem Krebs verursachen ein aufgrund des Tumors gesteigerter Energiebedarf und Veränderungen des Stoffwechsels den Gewichtsverlust, während bei AIDS vermutlich vor allem der mangelnde Appetit dafür verantwortlich ist. Man spricht vom Aids-Wasting-Syndrom.

Historisches

Der Appetit anregende Effekt von Cannabis ist in vielen Kulturen seit Jahrtausenden bekannt. So wird Ganja beziehungsweise Bhang bereits in alten Lehrbüchern der ayurvedischen Medizin als Appetit anregendes Mittel genannt. Ayurveda bezeichnet das traditionelle hinduistische Heilungssystem. Auch den Ärzten Mitteleuropas war die Förderung des Appetits durch Cannabis im 19. Jahrhundert wohl bekannt. So beschrieb der Cannabis-Pionier O‘Shaugnessy in seiner Veröffentlichung aus dem Jahre 1838-1840 eine „bemerkenswerte Appetitzunahme“ als Nebeneffekt bei allen seinen mit einer Cannabistinktur behandelten Patienten.

Und der französische Arzt G. See fasste 1890 zu den Wirkungen von Cannabis bei Magen- Darm-Problemen zusammen: „Die Cannabis ist von konstanter Wirkung zur Beseitigung der Schmerzempfi ndungen und zur Wiederherstellung des Appetits, unter welchen Verhältnissen die Schmerzen und die Appetitlosigkeit auch auftreten mögen.“

Im Arzneimittelbuch der USA von 1854 heißt es zu den medizinischen Qualitäten von Cannabis: „Hanfextrakt ist ein starkes Narkotikum, welches zu Heiterkeit, Rauschzustand, delirösen Halluzinationen und in der Folge zu Schläfrigkeit und Betäubung führt, mit geringem Effekt auf den Kreislauf. Es wird zudem gesagt, dass es als Aphrodisiakum wirke, den Appetit verbessere und gelegentlich einen kataleptischen Zustand hervorrufe. Bei krankhaften Systemzuständen kann es den Schlaf einleiten, Spasmen mildern, nervöse Unruhe ordnen und den Schmerz mindern. In dieser Hinsicht ähnelt es Opium in seinen Wirkungen; aber es unterscheidet sich von diesem Narkotikum, da es weder den Appetit vermindert, noch die Sekretionen unterbindet oder zur Verstopfung der Eingeweide führt.“

Beobachtungen an Gesunden

Zu Anfang der Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden in der Folge des steigenden Cannabiskonsums durch Jugendliche und junge Erwachsene verstärkt die Wirkungen von Marijuana untersucht. Dabei fi el in verschiedenen Studien erneut der Appetit anregende Effekt auf, dem in der Folge gezielt nachgegangen wurde. So wurde in einer Studie der Einfl uss von Marijuana auf das Gewicht und die Kalorienaufnahme in einer Gruppe von starken und gelegentlichen Konsumenten untersucht. Beide Gruppen nahmen vor allem in den ersten fünf Tagen einer dreiwöchigen Beobachtungszeit an Gewicht zu. Eine andere Gruppe von Wissenschaftlern beobachtete in einer 25tägigen Untersuchung mit Marijuana-Konsumenten eine vermehrte Kalorienaufnahme vor allem durch häufi gere kleine Snacks zwischen den Mahlzeiten, wenn die Probanden in einem sozialen Kontext mehr als eine Marijuana-Zigarette rauchten. Die Zunahme des Appetits scheint bei verschiedenen Personen sehr variabel zu sein. Bei einigen Cannabiskonsumenten wird der Appetit deutlicher angeregt als bei anderen.

Ursachen für den gesteigerten Appetit

Gelegentlich kann man lesen, THC beziehungsweise Cannabis führe zu einer Verminderung der Blutzuckerkonzentration und dies löse den gesteigerten Appetit aus. Bereits vor etwa 60 Jahren wurde jedoch in einer amerikanischen Untersuchung an 62 Freiwilligen gezeigt, dass Cannabis den Blutzuckerspiegel nicht relevant beeinfl usst. Bei 18 Untersuchten sank der Blutzuckerspiegel nach Cannabisgabe ein wenig, bei 36 stieg er ein wenig an und bei den übrigen acht veränderte sich nichts. Später wurde der Einfl uss von Marijuana und THC auf den Zuckerstoffwechsel noch genauer untersucht. Insgesamt fand sich kein relevanter Effekt. Selbst nach ein- bis dreitägigem Fasten führte Marijuana nicht zu einer Verringerung der Blutzuckerkonzentration.

Es gibt verschiedene Mechanismen, nach denen Cannabinoide den Appetit anregen können. Das endogene Cannabinoidsystem, das aus Cannabinoid- Rezeptoren und körpereigenen Cannabinoiden (Endocannabinoiden) besteht, ist an der Kontrolle des Appetits beteiligt. Das Appetit-Kontroll-System befi ndet sich einer Hirnregion namens Hypothalamus und wird durch das so genannte Leptin reguliert. Leptin reduziert den Appetit, während Endocannabinoide den Appetit verstärken. Der Appetitregulierer Leptin ist ein Protein, das auf Veranlassung des so genannten „Adipositas- Gens“ im Fettgewebe gebildet wird und in enger Beziehung zum Übergewicht (Adipositas) steht.

Ein Teil des Appetit anregenenden Effektes der Cannabinoide wird der Beobachtung zugeschrieben, dass Nahrung besser schmeckt und daher lieber aufgenommen wird. Bei vielen Erkrankungen mit Appetitlosigkeit besteht ein regelrechter Widerwillen gegen die Nahrung. Interessanterweise fi nden sich auch viele Cannabinoidrezeptoren im Darm, und bei Hunger nimmt die Konzentration der Endocannabinoide um ein Vielfaches zu. Nach dem Essen normalisiert sich ihre Konzentration wieder, ein Hinweis, dass auch solche periphere Mechanismen an der Regulierung von Hunger und Sättigung beteiligt sind.

Krebs

Eine erste klinische Studie zum Appetit anregenden Effekt von THC bei Krebspatienten wurde 1976 veröffentlicht. Die 54 Teilnehmer erhielten eine Woche lang dreimal täglich 2,5 bis 5 Milligramm THC oder ein Placebo (Scheinmedikament). Unter THC war eine Gewichtszunahme von 0,2 bis 0,4 Kilogramm zu verzeichnen, während unter Placebo ein Gewichtsverlust von 0,6 bis 1 Kilogramm eintrat. Anfang der 90er Jahre folgten einige weitere kleine Studien mit Krebs- und Aids-Patienten, die einen ähnlichen Erfolg der THC-Behandlung bei Gewichtsabnahme nachwiesen. So konnte der Appetit anregende und Gewichts fördernde Effekt von THC bei AIDS- und Krebspatienten bereits in Dosierungen von 5 Milligramm pro Tag nachgewiesen werden. Allerdings zeigte eine andere große Studie aus Deutschland aus dem Jahre 2002 mit einem Cannabisextrakt und THC bei Krebspatienten, dass zweimal 2,5 Milligramm THC eine zu geringe Dosis war, um eine relevante Gewichtsbeeinfl ussung zu erzielen.

Aids

Eine sechswöchige Studie mit 139 AIDS-Patienten führte zur Erweiterung der Indikation für das in den USA zugelassene THC-Präparat Marinol um Appetitlosigkeit und extreme Abmagerung bei Aids-Patienten. Im Vergleich zu einem Scheinpräparat (Placebo) verbesserte THC den Appetit, verringerte den Gewichtsverlust und die Übelkeit und verbesserte auch die Stimmung der Teilnehmer.

Nach einer Umfrage der Deutschen AIDS-Hilfe, bei der 136 Fragebögen ausgewertet worden waren, hatten 55 Prozent der Antwortenden viele Erfahrungen, 16 Prozent wenige Erfahrungen und 29 Prozent keine Erfahrungen mit Cannabis. 72 Prozent der Antwortenden mit Erfahrungen bewerteten ihre Cannabis-Erfahrungen als positiv, 21 Prozent als teils gut und teils schlecht, 7 Prozent als schlecht. Aids-Kranke, die Cannabis medizinisch verwendeten, nutzten es vor allem zum Stress- und Spannungsabbau, bei Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust sowie zur Schmerzlinderung.

Alzheimer-Krankheit

Im Jahre 1997 wurde eine Studie über den Effekt von Dronabinol bei 15 Patienten mit der Alzheimer- Krankheit veröffentlicht. Es handelt sich dabei um eine Hirnerkrankung, die mit zunehmender Gedächtnis- und Orientierungsstörung, eventuell Depressionen und weiteren Symptomen einhergeht. Die 15 ausgewählten Patienten verweigerten sämtlich die Nahrungsaufnahme. Sie erhielten daraufhin sechs Wochen lang THC oder ein Placebo-Präparat. Ihr Gewicht nahm unter THC deutlich mehr zu als unter Placebo. Nebenwirkungen waren gering und umfassten Euphorie und Müdigkeit.

Eine zweite Studie mit neun Patienten mit einem Alter von durchschnittlich 83 Jahren, die im Mai 2003 beim jährlichen wissenschaftlichen Kongress der Amerikanischen Gesellschaft für Geriatrie (Altersheilkunde) vorgestellt wurde, führte zu ähnlichen Ergebnissen. Vor der Studie hatten alle Patienten wegen Appetitlosigkeit an Gewicht verloren. Nach der THC-Behandlung hatten alle zugenommen.

Hier sei am Rande erwähnt, dass in diesen Studien auch die Unruhe und Verwirrtheit der Betroffenen abnahm. Das war ein überraschender Befund, der allerdings in einer weiteren Studie mit 54 Patienten bestätigt wurde.

Magersucht

THC war in einer Studie unwirksam bei der Behandlung der Magersucht (Anorexia nervosa). Dabei wurde Wirkung von täglich 7,5 bis 30 Milligramm THC und von 3 bis 15 Milligramm Diazepam auf die Gewichtsentwicklung von elf Magersüchtigen untersucht. Sie erhielten zwei Wochen lang das eine und zwei Wochen lang das andere Präparat. Keine der beiden Substanzen führte zu einer Zunahme des Gewichts. THC führte bei drei Patienten zu ausgeprägten Missstimmungen. Magersucht ist eine psychische Erkrankung, bei der ein problematisches Verhältnis zur Nahrungsaufnahme besteht, die nicht auf Appetitlosigkeit beruht. Magersüchtige verweigern die Nahrungsaufnahme trotz Appetit. Daher ist es nicht verwunderlich, dass THC hier nicht helfen konnte. Die Autoren eines Buches der britischen medizinischen Gesellschaft spekulierten, ob die Missstimmungen bei den drei Patienten hervorgerufen wurden, „weil THC tatsächlich ihren Appetit anregt und damit ihren psychischen Konfl ikt zwischen Hunger und Nahrungsverweigerung vergrößert“.

Stellenwert von Cannabisprodukten bei Appetitlosigkeit

Zur Appetitsteigerung und Gewichtszunahme werden heute verschiedene Medikamente eingesetzt, die sich zum Teil erst in der Erprobungsphase befi nden. Dazu zählen Wachstumshormone, Anabolika, Appetit anregende Mittel wie THC, Megestrolazetat und Cortisonpräparate. Ein Teil dieser Mittel zeigte in klinischen Studien ermutigende Resultate. Neben dem therapeutischen Erfolg wird vermutlich auch der Preis und die Bewerbung des Präparates durch die Pharmaindustrie eine Rolle bei der Entscheidung für die Verwendung spielen. So kostet eine Behandlung mit dem Wachstumshormon Somatotropin bei einer Gabe von 4 mg pro Tag mehr als 2.500 Euro pro Monat.

Der Stellenwert der verschiedenen Behandlungsalternativen, darunter Cannabis und THC, ist heute noch nicht sicher zu beurteilen. Cannabisprodukte zeigen im Gegensatz zu den anderen Mitteln nicht nur einen Appetit anregenden Effekt, sondern weitere, eventuell erwünschte therapeutische Wirkungen. Diese können neben der Appetitsteigerung bei verschiedenen hier vorgestellten Erkrankungen von Vorteil sein.

Dr. med. Franjo Grotenhermen

Dr. Grotenhermen ist Mitarbeiter des nova-Instituts in Hürth bei Köln und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin (ACM).